Hans Melliger
«Nur strafen wäre leicht und ginge schnell»

Statistisch betrachtet, nimmt die Jugendkriminalität jährlich zu. Jugendanwalt Hans Melliger erklärt jedoch, dass Straffälle heute viel eher gemeldet werden als früher.

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Hans Melliger

Hans Melliger

Aargauer Zeitung

Andrea Weibel

Das Büro im dritten Stock ist gross und hell. Zwei grosszügige Fensterfronten geben den Blick auf den Aarauer Bahnhof und die weit dahinterliegenden Ausläufer des Juras frei, die nur teilweise durch das rot eingerüstete neue Bahnhofgebäude verdeckt werden. An den Wänden reihen sich dunkle Bücherregale mit Aktenordnern und Fachliteratur.

Unter den Fenstern in verschlossenen Schubladen lagern die Dossiers der straffällig gewordenen Jugendlichen. Doch gleich neben dem grossen Schreibtisch sticht ein Regalfach ins Auge: Tannenzapfen, Steine, Muscheln und trockene Blumen erinnern den Jugendanwalt Hans Melliger an den Teil seines Lebens, der nichts mit Strafrecht zu tun hat, nämlich an seine Familie, an Ferien und ans Theater.

Herr Melliger, wann landen die Fälle von Jugendlichen auf Ihrem Tisch?

Hans Melliger: Bei uns landen alle verzeigten Straffälle der ganzen Schweiz, die von Personen aus dem Aargau im Alter zwischen 10 und 18 Jahren begangen wurden.

Normalerweise spricht man doch bis zum Alter von 25 Jahren von Jugendlichen?

Melliger: Das ist genau unser Problem. Fälle wie jener der drei Schläger in Kreuzlingen wurden nicht von Jugendlichen begangen, wie man überall liest, sondern strafrechtlich gesehen von Erwachsenen. Ab 18 Jahren gilt für Delinquenten schweizweit das Erwachsenenstrafrecht, ausser wir haben deren Fälle bereits vor ihrem 18. Geburtstag aufgegriffen, dann können wir bis zu ihrem 22. Lebensjahr Massnahmen ergreifen.

Laut Statistik waren es 2006 rund 2350 Fälle von straffälligen Jugendlichen im Aargau, 2007 waren es bereits 2500 und im letzten Jahr waren es 2600 gemeldete Fälle. Nimmt die Jugendkriminalität jährlich zu?

Melliger: Das sind nur die gemeldeten Fälle. Eine grosse Dunkelziffer bleibt offen. Die Zahlen zeigen also nicht die Realität. Was man aber erkennen kann, ist, dass die Bereitschaft von Dritten oder Opfern, Delikte zu melden, grösser geworden ist.

Das ist doch ein Fortschritt?

Melliger: Ja, das stimmt. Nur sagt auch das nichts über die eigentliche Anzahl von Delikten oder die Delinquenten aus. Ausländische Jugendliche werden beispielsweise viel eher angezeigt.

Die Statistik zeigt, dass 25 Prozent der straftätigen Jugendlichen Migrationshintergrund haben. Diese begehen jedoch beinahe die Hälfte der Gewaltdelikte. Dann ist es - ganz provokativ ausgedrückt - also nicht ganz falsch, dass die Leute vor Ausländern Angst haben?

Melliger: So kann man das ganz sicher nicht sagen. Zahlen sind sehr mühsam, wenn man deren Hintergrund nicht kennt. Abgesehen davon, dass mehr Delikte von Ausländern gemeldet werden, stimmt es aber, dass wir vermehrt mit ausländischen Jugendlichen zu tun haben.

Woran liegt das?

Melliger: Das hat mit den Risikofaktoren zu tun, die auch bei Schweizern zu Gewalt und Kriminalität führen können. Dies sind etwa Schichtzugehörigkeit, tiefes Bildungsniveau, Alter, Geschlecht, kultureller Hintergrund, inkonsequenter Erziehungsstil, schulische Probleme, Beziehungsabbrüche und so weiter. Ob Schweizer oder nicht, wir klären diese Faktoren immer genau gleich ab.

Und wie wird das gemacht?

Melliger: Das können wir mit «80-20-4» erklären. Das ist sozusagen unser Credo, unsere Vorgehensweise. Von den straffälligen Jugendlichen sind 80 Prozent nicht gefährlich. Sie haben zum Beispiel einen Fehler begangen - manchmal eben einen grossen. Bei ihnen reicht es schon, dass sie erwischt und angezeigt werden. Sie bekommen geringere Strafen wie Arbeitseinsätze. Bei ihnen besteht kaum Potenzial für weitere Delikte.

Und die anderen 20 Prozent?

Melliger: Die sind risikobehaftet. Bei ihnen ist es sehr wichtig, dass wir schnell eingreifen und sie wieder in die richtige Bahn lenken. Dabei müssen wir, wie auch bei den 80 Prozent, drei Dinge beachten.

Und die wären?

Melliger: Eines davon ist die Straftat selbst. Bei den Erwachsenen ist das der ausschlaggebende Punkt. Bei uns zählen aber noch zwei weitere Punkte dazu. Wir klären ab, ob Defizite in der erzieherischen Kompetenz, also im familiären Umfeld der Jugendlichen, auftreten. Und wir untersuchen, ob die Jugendlichen psychische oder körperliche Behinderungen aufweisen.

Und wozu dient das genau?

Melliger: Jugendliche sind noch formbar. Wir müssen dafür sorgen, dass die Voraussetzungen stimmen, damit sie von Gewalt und anderen Delikten wegkommen können. Wir versuchen, für jeden einzelnen eine spezifische Lösung zu finden. Zudem wollen wir die 4, die letzte Ziffer des «80-20-4», isolieren.

Und wofür steht diese 4?

Melliger: Das bezieht sich auf 4 Prozent aus den genannten 20 Prozent der Risikobehafteten. Das sind die Intensivtäter. Sie sind wirklich schlimm, richten grosse Schäden und viel Leid an. Sie sind für über die Hälfte aller Jugendverbrechen verantwortlich. Das Heikle ist, sie herauszuschälen, denn leider tragen sie kein Schild, auf dem steht «Ich bin ein Intensivtäter».

Was macht man dann mit dieser Gruppe?

Melliger: Bei ihnen ist jede Strafe nutzlos. Sie kommen oft aus Krisensituationen mit grossen persönlichen Problemen und Risikofaktoren. Ganz nach dem Motto: Wer Probleme hat, macht Probleme. Hier helfen nur Mass-nahmen wie die Heimeinweisung. Das ist für Jugendliche viel schlimmer als beispielsweise das Gefängnis.

Warum das?

Melliger: Weil sie in Heimen einen klaren Tagesablauf haben. Sie müssen sich mit ihren Taten und den Opfern auseinandersetzen und sich ans Leben anpassen. Im Gefängnis haben sie im Vergleich dazu praktisch 24-Stunden-Service.

Und das hilft?

Melliger: Wenn wir einen aus diesen vier Prozent auf die rechte Bahn zurückbringen können, dann haben wir die Sicherheit um ein x-faches verbessert. Das ist unser Ziel.

Zurück zur Gewalt. Unter Kindern und Jugendliche kann es vorkommen, dass sie sich prügeln. Wie wird das gegenüber Jugendgewalt abgegrenzt?

Melliger: Gar nicht. Wenn beispielsweise Lehrer oder Eltern diese Prügeleien melden, klären wir genauso wie bei allen anderen Fällen die Straftat, das Umfeld und die Gesundheit der Jugendlichen ab. Wir sind froh, wenn es sich nur um kleinere Zankereien handelt, bei denen alle Beteiligten gleich viel Schuld trifft und das Verfahren mit bald einem Täter-Opfer-Ausgleich oder einer Mediation beendet werden kann. Für die Jugendlichen ist das trotzdem eine Lehre.

Wenn dies nicht der Fall ist, wenn also Opfer und Täter klar ausgemacht werden können, wird dann eher bestraft oder therapiert?

Melliger: Keines von beiden soll flächendeckend gemacht werden. Bei uns haben die Massnahmen Vorrang. Das heisst, wir klären erst ab, ob eine Aufsicht, persönliche Betreuung, eine ambulante Behandlung oder gar die Heimeinweisung nötig ist. Dann leiten wir dies zusammen mit einer entsprechenden Bestrafung ein.

Und wenn das nicht nötig ist?

Melliger: Dann belassen wir es bei einer Strafe. Denn das ist für die Jugendlichen weniger schlimm, kann in leichten Fällen aber dennoch viel bewirken. Für uns wäre es schön, wenn wir einfach strafen könnten, denn das ist einfach und geht schnell. Aber in schwierigen Fällen nützt das erfahrungsgemäss sehr wenig.

Die letzte Frage: Sind Jugendliche heute so schlimm, wie viele Leute das empfinden?

Melliger: Das ist eine müssige Frage. Unsere Zahlen sind stabil, was das Empfinden der Leute aber kaum beeinflussen kann. Sie hören oder lesen von schlimmen Fällen und haben verständlicherweise Angst, wenn sie Gewaltakte im nahen Umfeld erleben. Doch diese Angst bringt niemandem etwas. Wir müssen handeln. Ich bin überzeugt, dass wir - Departement, Polizei und Jugendanwaltschaft - den richtigen Weg gefunden haben, nämlich die Intensivtäter möglichst früh zu erkennen, zu isolieren und mit Sanktionen (Massnahmen und Strafen) zu behandeln.

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