Hans Fahrländer

Die traditionelle Medienkonferenz zum Schuljahresbeginn fand diesmal in Wohlen statt. Die viertgrösste Aargauer Gemeinde kann mit drei Volksschulzentren, einer Mittelschule und einem Berufsbildungszentrum die gesamte Bildungspalette anbieten und duelliert sich mit Wettingen um den Titel «grösste Schulgemeinde im Aargau».

Alle Zentren führen sowohl Primar- wie auch Oberstufe – gemäss Schulpflegepräsident Franco Corsiglia ist dies Programm: «Wo Grosse und Kleine beisammen sind, passiert weniger Gewalt.»

621 Lehrpersonen aus dem Ausland

Noch genau drei Teilpensen waren gestern um 10 Uhr im Aargau offen – zwei Stunden zuvor konnte die letzte Vollstelle besetzt werden. Vor vier Monaten waren, umgerechnet auf Vollzeitäquivalente, noch 245 Stellen offen. Die Zahl sank bis zum Beginn der Sommerferien auf 83 – vor einem Jahr waren es halb so viele.

Doch in einer Schlussoffensive wurde das Wunder vollbracht. Dazu beigetragen hat auch eine Inseratekampagne des Kantons in Deutschland und Österreich. Von den 7500 Lehrpersonen an Kindergarten und Volksschule stammen jetzt 621 aus dem Ausland, 391 davon aus Deutschland.

Viele kehren dem Beruf den Rücken

«Das Reservoir an motivierten und qualifizierten Lehrpersonen ist nun ausgeschöpft», sagte Bildungsdirektor Hürzeler ohne Umschweife. Und der Bedarf wird noch steigen: 2600 Lehrpersonen gehen in den nächsten fünf Jahren in Pension oder «steigen aus». Der Bildungsdirektor registrierte mit einer gewissen Sorge, dass viele Lehrpersonen den Schuldienst nach kurzer Zeit wieder verlassen – offenbar ein Problem mangelnder Attraktivität.

Hier will der Kanton ansetzen. Hürzeler verwies auf «sein» Revisionspaket «Stärkung der Volksschule» mit Zusatzlektionen für sozial erheblich belastete Klassen und dem befristeten Einsatz von Assistenzpersonen (Kosten: knapp 40 Mio. Franken). Er verwies auf die anstehende Revision des Lohndekrets (Kosten: rund 45 Mio. Franken).

Und er stellte administrative Entlastungen in Aussicht, etwa bei der externen Schulevaluation oder durch die Erstellung einer Aufgabendatenbank im Bildungsraum Nordwestschweiz. Schliesslich verwies Hürzeler auf die verkürzten Ausbildungsgänge für Quereinsteiger an den grössten pädagogischen Hochschulen des Landes.

Durchschnittspensum nur 65%

Indes, all diese Massnahmen greifen erst in einigen Jahren – was passiert in einem oder in zwei Jahren? Falls die Zusatzlektionen für belastete Klassen politisch durchkommen, steigt der Bedarf ja nochmals. Alex Hürzeler und Christian Aeberli, Chef der Abteilung Volksschule, zeigten sich gedämpft optimistisch.

Sie setzen auf Pensumserhöhungen – das Durchschnittspensum einer Aargauer Lehrperson beträgt heute nur 65%. Und sie setzen weiterhin aufs Ausland. Den Hinweis, der ganze deutschsprachige Raum sei heute mit dem Phänomen des Lehrermangels konfrontiert, konterten sie mit dem Argument: «Aber wir zahlen die besseren Löhne...»

Jahrgänge werden wieder grösser

Die 7500 Lehrpersonen an Kindergarten und Volksschule (5200 Vollstellen) unterrichten im Schuljahr 2010/11 71000 Kinder und Jugendliche. Für 5500 Kinder war gestern erster «Chindsgi»-Tag, für 6000 erster Schultag. Die Volksschule umfasst 3950 Klassen in 225 Schulen.

In 194 Gemeinden ist die integrative Schulung eingeführt, das heisst, die Kleinklassen sind abgeschafft. In 11 weiteren ist die Einführung geplant. 800 Kinder und Jugendliche werden in Sonderschulen unterrichtet. In den «Nullerjahren» sank die Gesamtschülerzahl im Aargau um 8,4%. Bis 2019 wird sie wieder um 3% wachsen.

Auf der Sekundarstufe II wurden mit dem neuen Schuljahr zwei magische Grenzen geknackt: Erstmals traten mehr als 1000 Jugendliche (1059) in die sechs Gymnasien ein. Und erstmals begannen mehr als 6000 (6011) eine Berufslehre. 841 von ihnen wollen die Berufsmatur machen.

Nach wie vor dominieren gewerblich-industrielle Berufe mit 3466 Lehrverhältnissen. Trotz Wolken am Himmel zeigte sich der Bildungsdirektor mit der Schule Aargau insgesamt «sehr zufrieden».