Rosmarie Mehlin

Am Nachmittag des 3. April 2000 hatte in der Tiefgarage eines Mehrfamilienhauses in Othmarsingen die Leiche eines Unternehmers aus dem oberen Freiamt gelegen. Der 39-jährige Notar K., der in dem Haus zwei Eigentumswohnungen besass, hatte die Polizei gerufen und ausgesagt, der 56-jährige habe sich vor seinen Augen selbst gerichtet. Später hatte der Jurist, der in U-Haft gesetzt war, sich in Widersprüche verwickelt. Als die Beamten nach einigen Wochen einen Selbstmord ausschlossen, war K. umgeschwenkt: Aus der Pistole die - was von Anfang an feststand - ihm gehörte, habe sich bei einem Gerangel ein Schuss gelöst.

Da den Ermittlern auch die Unfallversion wenig glaubwürdig schien, war K. nicht auf freien Fuss gesetzt worden. Mehrere Haftentlassungsgesuche waren wegen Flucht- und Verdunklungsgefahr abgelehnt worden. Mitte 2001 wechselte K. schliesslich aus der U-Haft in den Strafvollzug Zuvor schon war er aus der Aargauischen Notariatsgesellschaft ausgetreten, hatte sein Notariatspatent abgegeben und seine beiden Firmen aufgelöst.

Tief im Schuldensumpf

Als sich K., angeklagt des Mordes sowie der mehrfachen qualifizierten Veruntreuung und der mehrfachen Urkundenfälschung am 2. Dezember 2002 vor Bezirksgericht Lenzburg verantworten musste, hatte er bereits 32 Monate hinter Gittern verbracht. Angesichts eines enormen Medien- und Publikumsinteressens war der Prozess im Vortragssaal der Verkehrspolizei in Schafisheim durchgeführt worden.

Dort war durch die Aussagen von K. selbst und von Zeugen das Bild eines gescheiterten Blenders und Angebers entstanden. Mit gerade mal 31 Jahren hatte K. die florierende Kanzlei seines plötzlich verstorbenen Vaters übernehmen müssen. Er hatte damals bereits persönliche Schulden, geschäftete chaotisch, wollte um jeden Preis mit seinen reichen Mandanten mithalten, veruntreute als Willensvollstrecker Millionen, versank aber immer tiefer im Schuldensumpf. Im Frühling 2000 hatte er sich Klientenforderungen von über 3 Millionen gegenüber gesehen; gut 800000 Franken war er dem 56-jährigen Geschäftsmann schuldig.

Nachdem K. dessen Aufforderung nach Rückzahlung nicht nachgekommen war - nicht nachkommen konnte - hatte der Geschäftsmann am 3. April 2000 eine Aussprache in der Wohnung von K. gesucht. Unter einem Vorwand war der Notar mit seinem Gläubiger in die Tiefgarage gegangen. Offenbar hatte der Geschäftsmann aber das falsche Spiel des Notars durchschaut und ihn beschimpft, worauf K. nach seiner in einem Plastiksack liegenden Pistole gegriffen hatte.

Immer wieder hatte K. betont, dass er nicht auf den Mann gezielt und nicht abgedrückt habe - jedenfalls nicht willentlich. Staatsanwalt Daniel von Däniken hatte 20 Jahre Zuchthaus gefordert, der Verteidiger zwei Jahre für die Vermögensdelikte, da die Indizien für eine Verurteilung wegen Mordes nicht ausreichen würden. Allenfalls sei sein Mandant wegen vorsätzlicher Tötung mit erheblich weniger als zehn Jahren zu bestrafen.

Urteil ausgesetzt

Zwei Tage hatte der Prozess gedauert, einen weiteren Tag hatte das Gericht beraten. Dann hatte Präsident Albert Suter verkündet, dass es noch kein Urteil gefällt habe, sondern den Angeklagten zuerst psychiatrisch begutachten lassen wolle. Da das Geschehene vom Angeklagten als Unfall geschildert, die Ermittler und der Ankläger aber auf Vorsatz erkannt hatten, war eine Begutachtung bis dahin juristisch nicht statthaft gewesen. Das Gericht, so Suter in der mündlichen Eröffnung und Begründung des Entscheides, sei jedoch bereits zur Überzeugung gelangt, dass der Schuss kein Unfall, sondern von K. vorsätzlich abgegeben worden war.

Verschulden äusserst gross

Am 22. Juni 2004 dann war das Urteil gefällt: Wegen Mordes wurde K. zu 17 Jahren Zuchthaus verurteilt, nachdem das Gutachten ihm eine leicht verminderte Zurechnungsfähigkeit attestiert hatte. Noch am selben Tag hatte K. den Medien schriftlich mitgeteilt, er werde das Urteil weiterziehen. Am 30. Juni 2005 hatte das Aargauer Obergericht unter Vorsitz von Urs Wuffli das Urteil gegen den nunmehr 44-jährigen revidiert und K. wegen vorsätzlicher Tötung, Veruntreuung und Urkundenfälschung zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Es sei, hatte Wuffli begründet, allerdings ein Grenzfall und das Verschulden äusserst gross. «K. hat den Mann mit einem Nahschuss in die Stirn liquidiert, aber eine Planung von langer Hand ist nicht nachgewiesen.» Staatsanwalt von Däniken hatte diesen Entscheid ans Bundesgericht weiter gezogen, welches im Februar 2006 das Urteil des Obergerichts bestätigte.