Helmut Thoma

«Niemand hat noch Gespür für Qualität»

Helmut Thoma hat das deutsche Privatfernsehen wie kein anderer geprägt. Am Sonntag wird «Mister RTL» 70.

Carsten Rave

Bis vor zehn Jahren war der Österreicher Helmut Thoma, der am kommenden Sonntag seinen 70. Geburtstag feiert, Chef des grössten deutschen Privatsenders RTL. Auch heute ist er ständig auf Achse, kümmert sich um seine Beratungstätigkeiten, Beirats- und Aufsichtsratsposten - unter anderem beim in Schlieren ansässigen Kanal 3+.

Zu seinem alten Arbeitgeber RTL, den er einst gross machte, hat er heute allerdings ein ambivalentes Verhältnis: Er kritisiert im Gespräch einige Programme und auch das Festhalten an der von ihm selbst erfundenen Kernzielgruppe der 14- bis 49- jährigen Zuschauer.

Wenn Sie heute RTL einschalten: Was kommen Ihnen da für Gedanken?
Helmut Thoma: Viele der Programme sind noch aus meiner Zeit: Die Serien «Gute Zeiten, schlechte Zeiten » oder «Unter uns», die Formate «Explosiv» und «Exclusiv», die Nachrichten. Und auch «Wer wird Millionär? ».

Ein gutes Zeichen für die Innovationsfähigkeit eines Senders ist der Fortbestand alter Angebote aber nicht...
Thoma: Bei RTL gibt es einige Programme, die nicht funktionieren: Die Nachmittagsschiene bekam Probleme, als man die Gerichtsshows von Sat.1 kopierte, die Serien sind alle gefloppt, weil keiner mehr Gespür für Qualität hat.

So wie Sie?
Thoma: Ich habe die Entscheidungen immer aus dem Bauch heraus getroffen, verbunden mit der Fähigkeit, zu spüren, welches Programm kommt an, welches nicht.

Programme, die Sie alle knallhart auf die von Ihnen in Deutschland eingeführte Zielgruppe der werberelevanten 14- bis 49-jährigen Zuschauer zugeschnitten haben!
Thoma: Auf diese Definition bin ich immer noch stolz, da sie jahrelang das Privatfernsehen bestimmt hat. Heute muss man davon Abstand nehmen und sich offen dazu bekennen, dass die 50- bis 65-Jährigen die kaufkräftigste Zielgruppe darstellen. Die demografische Entwicklung geht auch an den Privatsendern nicht vorbei.

Ist ihr «Baby», RTL, in zehn Jahren immer noch Marktführer oder wird der riesige Markt des Internets die traditionellen TV-Sender weggespült haben?
Thoma: Nein, Fernsehen, die grossen Sender, wird wie im Printwesen die grossen Blätter weiter Bestand haben. RTL profitiert weitgehend von der Schwäche anderer, zum Beispiel der ProSieben-Gruppe, die nach der Kirch-Insolvenz und durch die aktuellen Schwierigkeiten RTL nicht gefährlich werden kann.

Sie gucken privat was?
Thoma: Wenig. Wenn, dann die ARD-Nachrichten, manchmal auch RTL.

Ihre Frau klagt, dass Sie ständig unterwegs sind. Wie sehen Sie das?
Thoma: Man kann nicht alles haben.

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