Nicky Hoheisel
«Nicky hatte keine Kopfverletzung»

Die Schlägerei vor der Disco Kettenbrücke in Aarau, bei der Nicky Hoheisel im Sommer 2007 gestorben ist, beschäftigte das Amtsgericht Solothurn-Lebern. Dabei tauchten plötzlich Zweifel an der Todesursache auf.

Raffaela Kunz
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Fall Nicky Hoheisel

Fall Nicky Hoheisel

Aargauer Zeitung

Der Fall des 19-jährigen Nicky Hoheisel, der nach einer Schlägerei vor der «Kettenbrücke» an einer Hirnblutung gestorben ist, hatte schweizweit eine Welle der Empörung ausgelöst und die Diskussion um die Jugendgewalt neu angefacht. Am Dienstag hatte sich das Amtsgericht Solothurn-Lebern mit dem Fall zu befassen. Angeklagt war der 22-jährige, in der Region Solothurn wohnhafte Italiener Ticiano G.* Ihm wird vorgeworfen, sich an der Schlägerei beteiligt zu haben. Gerichtspräsident Daniel Wormser stellte von Anfang an klar: «Das Tötungsdelikt an sich steht nicht zur Diskussion.» Denn: Ende Oktober dieses Jahres stand bereits der 22-jährige Haupttäter Marcel M. in Aarau vor den Richtern. Er versuchte sich zu entlasten, indem er seinen Kollegen die Schuld an Nickys Tod in die Schuhe schob - das Bezirksgericht Aarau entschied jedoch gegen ihn und verurteilte ihn zu fünf Jahren Gefängnis wegen fahrlässiger Tötung, schwerer Körperverletzung und Raufhandels.

Alles war schnell vorbei

Begonnen hatte alles harmlos in jener Nacht im Juli 2007: Marcel M. und Nicky waren in der Disco aneinandergeraten. Die Sicherheitsangestellten beendeten den Streit und stellten Nicky vor die Tür. Als Marcel M. und Ticiano G. mit einem dritten Kollegen kurz darauf draussen auf Nicky und seine Begleiter trafen, eskalierte der Konflikt - es kam zu einer Schlägerei. «Alles hat sehr schnell angefangen und war auch schnell wieder vorbei», schilderte G. die Geschehnisse: «Plötzlich waren wir mittendrin.» Marcel M. schlug Nicky gemäss der Anklage «mit voller Kraft ins Gesicht», worauf dieser zu Fall kam. «Ich selber habe Nicky nicht geschlagen», beteuerte G. Getroffen habe er lediglich die Beine eines Kollegen von Nicky.

«Die Tragik des Todes von Nicky stellt alles in den Schatten», stellte G.s Verteidigerin Andrea-Ursina Müller fest. Dennoch sei es wichtig, objektiv zu bleiben. «Auch Hoheisel ist im Lokal negativ aufgefallen», betonte Müller; auch er habe sich «aktiv und provokativ» verhalten. Eine Verurteilung wegen Angriffs komme deshalb nicht infrage, vielmehr handle es sich dabei um eine wechselseitige tätliche Auseinandersetzung, also Raufhandel.

Arzt stellt Urteil infrage

Gemäss Müllers Ansicht war Nickys Tod nicht Folge der Schlägerei: An der Verhandlung reichte sie ein Schreiben des Arztes ein, der Nicky behandelt hatte - darin übte dieser Kritik am Aarauer Urteil: Die Hirnblutung sei nicht durch die Schlägerei ausgelöst worden; als Nicky ins Spital eingeliefert wurde, habe er keine Kopfverletzungen gehabt. «Es war wie eine tickende Zeitbombe», erläuterte Müller. Sie beantragte, dies im Rahmen der Strafzumessung zu berücksichtigen.

Zur Diskussion standen indes auch noch andere Verdikte von Ticiano G.: Neben der Schlägerei warf ihm die Staatsanwaltschaft eine versuchte Vergewaltigung, Drohung und Hausfriedensbruch vor. Nachdem seine Ex-Freundin sich Anfang 2006 geweigert hatte, mit ihm zu sprechen, war G. kurzerhand durch die unverschlossene Tür bei ihr zu Hause eingedrungen.

Dort packte er sein Opfer und drückte es aufs Bett, wo er versuchte, die junge Frau zu vergewaltigen. Er hörte erst auf, als diese zu weinen begann - worauf auch er in Tränen ausbrach und sich entschuldigte. G.s Verteidigerin verlangte in diesem Punkt einen Freispruch und eine bedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 70 Franken für den Raufhandel.

Richter wollte nicht vorgreifen

Der Amtsgerichtspräsident folgte dem nicht und verurteilte G. zu 12 Monaten bedingt. «Ich masse mir ein Urteil über den Brief des Arztes nicht an», führte Wormser aus: «Ich will meinen Kollegen in Aarau nicht reinreden.» Die Aargauer Oberrichter müssen den Fall neu beurteilen, weil Marcel M. Berufung eingelegt hat. Ob der «Fall Nicky» mit der Aussage des Spitalarztes eine neue Wende nimmt, bleibt also abzuwarten.

* Name von der Redaktion geändert

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