Sozialhilfe

«Nichtstun ist keine Lösung»

«Ausgemustert»: Sozialhilfeempfänger haben es schwer, einen festen Arbeitsplatz zu finden. Oliver Menge

Sozialhilfeempfänger

«Ausgemustert»: Sozialhilfeempfänger haben es schwer, einen festen Arbeitsplatz zu finden. Oliver Menge

Sind die Arbeitsprogramme für Sozialhilfebezüger zur Unterstützung bei der Jobsuche für die Katz? Nein, sagen Exponenten der Solothurner Sozialämter. Sie widersprechen damit einer Studie mit diesem provokativen Fazit.

Franz Schaible

Die Resultate der diese Woche vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) publizierten Studie über die Integrationschancen von Sozialhilfebezüger in den Arbeitsmarkt sind ernüchternd: Nur gerade 23 Prozent der stellensuchenden Sozialhilfeempfänger gelinge es, einen Arbeitsplatz zu finden und sich von der Sozialhilfe zu lösen (siehe Kasten). Dabei seien die Bemühungen der Sozialämter, den Stellensuchenden wieder zu einem dauerhaften Arbeitsplatz zu verhelfen, weitgehend wirkungslos.

Angesprochen sind Beschäftigungsprogramme, Weiterbildungskurse, Hilfestellungen bei Bewerbungen, beim Zahlungsverkehr mit Krankenkassen, Mieten, usw. Eine erfolgreiche Reintegration in den Arbeitsmarkt sei vielmehr auf individuelle Eigenschaften der Stellensuchenden wie Alter, Ausbildung, Sprachkenntnisse, usw. zurückzuführen.

Und: Wer zu lange in solchen Programmen eingespannt sei, verliere das Interesse an der Jobsuche. Deshalb das Fazit: «Keine Massnahmen zu verfügen, ist in vielen Fällen die deutlich wirkungsvollste Massnahme.»

«Durch alle soziale Netze gefallen»

Diese provokative Aussage will Urs Bentz, Leiter der sozialen Dienste der Stadt Solothurn, so nicht unterschreiben. Zwar sei die Wiedereingliederung der Sozialhilfeempfänger in den Arbeitsmarkt tatsächlich «ein sehr schwieriges Unterfangen». «Die Personen, die wir übernehmen, tragen eine lange, problembehaftete Geschichte mit sich», sagt Bentz.

In der Regel handle es sich um Ausgesteuerte, also um Menschen, die zuvor während zwei Jahren vergeblich einen Arbeitsplatz gesucht haben. Um so wichtiger sei es, diesen Menschen bei der Bewältigung des Alltags beizustehen. Sie bräuchten eine Beschäftigung und eine Tagesstruktur, um sich im Gleichgewicht halten zu können.

Der Aufwand lohnt sich

Ziel sei es zu verhindern, dass «die gesunden Kräfte, die grundsätzlich in jedem Menschen stecken, erlahmen». Ohne aktive Unterstützung der Betroffenen würden wesentliche grössere Probleme entstehen. Bentz erwähnt dazu beispielsweise die Gefahr zunehmender psychischer Erkrankungen. Ähnlich argumentiert Doris Kläy, Leiterin der Sozialregion Zuchwil/Luterbach: «Eine Beschäftigung und feste Tagesstrukturen sind sehr entscheidend für das Selbstwertgefühl des einzelnen Menschen.»

Ansonsten, so Bentz weiter, könnte man ja irgendwo einen ‹Fürsorgemat› aufstellen, wo die Sozialhilfeempfänger ihre finanzielle Unterstützung abholen könnten. «Nichtstun, ist keine Lösung. Es braucht neben der geldwerten Hilfe auch die soziale Unterstützung.»

«Wir dürfen die Betroffenen nicht in der Lethargie versinken lassen», ergänzt Bernhard Felder, Leiter Sozialhilfe und Asyl beim Kanton. So gesehen hätten die Massnahmen wie etwa Beschäftigungsprogramme durchaus ihren Sinn - selbst wenn der Erfolg in Zahlen ausgedrückt nicht riesig sei. So habe sich das Soziallohnprojekt «solopro», welches Sozialarbeitsplätze anbiete, bewährt.

Felder: «Es ist nicht so, dass die in die Programme eingespannten Sozialhilfeempfänger gar nichts finden. Ein gewisser Teil findet über solche Projekte den Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt.» Insgesamt schaffe im Kanton Solothurn rund ein Viertel der stellensuchenden Sozialhilfeempfänger die Rückkehr in den Arbeitsmarkt. Dies entspricht also in etwa den Ergebnissen der erwähnten Studie.

Resultat widerspiegelt Realität

«Ist dieser Anteil wirklich klein?», fragt sich seinerseits Kurt Boner, Leiter der Sozialregion Oberer Leberberg. «Angesichts der Tatsache, dass die Sozialhilfeempfänger seit Jahren nicht im ersten Arbeitsmarkt integriert und vielfach mit grossen persönlichen Problemen behaftet sind, ist es gar kein schlechtes Resultat.» Man müsse die Erfolgschancen der Programme und Projekte nämlich auch realistisch beurteilen. Es gebe einfach Menschen, die keine Perspektiven hätten. «Sie würden zwar gerne arbeiten, aber aus veschiedensten Gründen schaffen sie es nicht.»

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