Nicht studieren – konsumieren

Das Unifest oder «Das Fest», wie es heuer wegen des 175-Jahr-Jubiläums hiess, hatte viel zu bieten: An vier Standorten war am frühen Abend Kultur angesagt – später stieg die Party.

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Solothurner Zeitung

Katharina Schwab

Vor dem Eingang des Hauptgebäudes sitzt und steht eine lachende Menschentraube. Sie schaut dem Clown und Strassenkünstler Dado zu, wie er pantomimisch Ballone aufbläst, ins Publikum geht und vorbeilaufende Unschuldige in seine Show einbezieht. Mit seinem Auftritt begeistert er Kinder und Erwachsene gleichermassen.

Zur gleichen Zeit singt der Berner Unichor in der Aula. Die Fresken an den Wänden und der Decke sind in blaues, pinkiges und gelbes Licht getaucht. So modern die Lichtshow ist, so klassisch ist der Gesang des Chors, der Ausschnitte aus dem Zyklus «Il Zabaione musicale» des Komponisten Adriano Banchieri präsentiert. Die Stimmen klingen gewaltig im grossen Saal.

Von depressiven Scheiterern

Es ist ein Kommen und Gehen bei allen Veranstaltungen. Ein bisschen «Schnöiggen» ist angesagt, denn das Programm ist vielfältig, und wer sich mehrere Dinge zu Gemüte führen will, sollte planen. Denn die Veranstaltungen sind über die ganze Länggasse verteilt: Im Hauptgebäude, der UniS, am Bühlplatz und der Unitobler.

Der Poetry-Slam in einem kleinen Seminarraum zieht etwa 80 Menschen an. Die Dichter beginnen ihre Texte vorzutragen. Von depressiven Scheiterern und Hals-über-Kopf-Verliebte bis zu Ich-will-Sagern ist alles vertreten. Das Publikum lacht, staunt und schüttelt manchmal ungläubig den Kopf ob der abstrusen und eigenwilligen Textkreationen der Slammer.

Schon von weitem schwingt einem Essensduft entgegen; ein grosses Buffet ist vor der UniS aufgestellt. In der Cafeteria spielt die Berner Band «Hildegard lernt fliegen». Alles ist ein wenig anders, wenn das Unifest vonstatten geht. Wo sonst Studenten ihren Kaffee schlürfen und diskutieren, erklingt nun zum Tanz anregende Musik. Der Sänger Andreas Schaerer macht aus dem Anzählen gleich ein Beat-Box-Solo, während seine Mitmusiker mehr oder weniger verzweifelt auf ihren Einsatz warten. So oder so lebt «Hildegard lernt fliegen» von den Soli und den komödiantischen Einlagen. Das Publikum ist durchmischt: Von kleinen Kindern bis älteren Menschen ist jede Altersstufe vertreten.

So auch in der Unitobler. Verschiedene Fachschaften richteten hier in den Räumen ihre Bars ein. Die Soziologen haben einen Saal in «Barikade» umgetauft. An der Wand sind lauter revolutionäre Sprüche zu lesen, wie: «Wer 2x mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.» Oder «Wer hat uns verraten, Sozialdemokraten. Wer war mit dabei, die Grüne Partei. Wer verrät uns nie: die Anarchie.» Allerdings ist der Boden schön brav abgeklebt, damit es ja keinen Ärger mit dem Establishment gibt. Hinter der Bar hängt eine regenbogenfarbene Pace-Fahne, gleich daneben ist das Antlitz von Che Guevara. Die Soziologie-Studenten machen keinen Hehl daraus, dass sie nicht zufrieden sind, dass ihr Lehrstuhl zusammengeschlossen werden soll in Sozialwissenschaften. Ein junger Mann kommt an den Tischen vorbei und verteilt ein Pamphlet der «Aktion Ungehorsamer Studierender». Ganz nach dem Motto an der Wand: «Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle!»

«Sind meine Brüste zu klein?»

Gleich nebenan haben die Philosophie-Studenten ihre «Bravo-Bar» gestaltet. Bereits vor dem Eingang gibt es einen Vorgeschmack auf das, was drinnen wartet: «Wind of Change» der «Scorpions» ist von weitem zu hören. Auf alten Frontseiten der Jugendzeitschrift BRAVO lächeln Blümchen und die Beverly-Hills-Crew. Wie es sich für Philosophen gehört, werden in der Bar wichtige Fragen des Lebens gestellt und beantwortet: «Sind meine Brüste zu klein?» oder «Bin ich zu jung für Sex?» Schön, zu sehen, gibt es auf der Welt noch Fragen mit einer Antwort.

Kurz vor Mitternacht wird die Stimmung ausgelassener. Mit dem stetig steigenden Alkoholpegel sind auch Kinder und ältere Menschen verschwunden; die Jungen sind unter sich und feiern das 175-Jahr-Jubiläum der Uni Bern. Oder ist es nur eine günstige Gelegenheit, seinen Hörsaal einmal auf eine andere Art zu betrachten? Denn dank dem Jubiläum ist das Unifest gratis, aber auch auf vier Standorte zu verzettelt. So trifft man immer wieder Menschen, die ins Handy schreien: «Wo bist du? Nein, ich bin in der Unitobler, komm auch!» Früh am Morgen wird die Musik abgeschaltet, und die Partygänger machen sich auf den Heimweg. Die Länggasse ist sauber, wohl dank der verwendeten Mehrwegbecher. «Das Fest» ist zu Ende.

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