Krisen-Kompass
«Nicht den Kopf in den Sand stecken»

Schweizer Lehrer bereiten sich auf den Ernstfall vor: mit dem «Krisen-Kompass», einem Handbuch für Notfälle

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Beat W. Zemp

Beat W. Zemp

Schweiz am Sonntag

Von Daniel Ballmer

Grosskrisen wie ein Amoklauf oder Probleme wie Suizid, Mobbing und Gewaltandrohung: Das Klima an Schweizer Schulen sei rauer geworden, sagt Beat W. Zemp, Präsident des Dachverbands der Schweizer Lehrer (LCH). Die Schwelle für Gewalttaten sei gesunken. Der Gewaltexzess von Zürcher Schülern auf ihrer Abschlussreise in München ist nur das letzte Beispiel.

In den Schulen bestehe ein Bedürfnis nach Handlungsorientierung. Nun hat der LCH den «Krisen-Kompass» herausgegeben. Das Handbuch soll Schulen und Behörden auf Krisensituationen vorbereiten. Es ist eine Folge von Amokläufen und Drohungen in Schulen, die in der Vergangenheit wiederholt für Schlagzeilen gesorgt haben.

Beat W. Zemp - Der oberste Lehrer

Beat W. Zemp (54) ist seit 1990 Präsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer LCH. Der Frenkendörfer studierte an der Uni Basel Mathematik und Geografie im Haupt- und Pädagogik im Nebenfach. Seit August 2003 präsidiert er unter anderem die grösste Arbeitnehmer-Konferenz der Schweiz, der 13 Verbände und Gewerkschaften angehören. (bz)

Herr Zemp, sind die Schweizer Lehrer überfordert?
Beat W. Zemp: Es gibt in diesem Beruf zunehmend Situationen, die nicht mehr alleine zu meistern sind, etwa bei gewalttätigen Übergriffen, Suizidversuchen von Jugendlichen oder bei massiven Bedrohungen von Schülern und Lehrpersonen. In solchen Fällen gehört es zum professionellen Verhalten eines Lehrers, die Überforderung zu akzeptieren und bei Fachleuten und Kriseninterventionsteams rechtzeitig Hilfe anzufordern. Die Entstehung von kleineren und mittelschweren Krisensituationen in einer Klasse gehört heute zum Schulalltag wie Turbulenzen beim Fliegen. Der Pilot muss wissen, wann er eine Krisensituation selber noch bewältigen kann, und wann er notfalls einen Flug abbrechen muss.

Wobei kann der «Krisen-Kompass» konkret helfen?
Das Handbuch dient als Orientierungshilfe für Schulleitungen, Lehrerinnen, Lehrer und Schulbehörden bei schweren Krisen im Kontext Schule. Es umfasst die ganze Palette von Krisenfällen. Auch neue Formen wie Cyber-Mobbing, Stupid Slapping oder selbstverletzendes Verhalten von Schülern werden darin behandelt. Neben Checklisten zum Umgang mit solchen Krisen gibt es eine Fülle von Zusatzmaterialien wie Musterbriefe, Abschiedsrituale, Gebete, Song-Texte oder Fotos, die bei der Aufarbeitung von tragischen Ereignissen hilfreich sein können.

Wann wären Sie das letzte Mal froh gewesen, Sie hätten einen «Krisen-Kompass» zur Hand gehabt?
Ich hatte einmal eine Schülerin, die einen Suizidversuch unternahm, der glücklicherweise glimpflich ausging. Diese Situation ist besonders heikel, weil die Gefahr von erneuten Versuchen gross ist und die Ursachen im familiären, schulischen oder sozialen Umfeld der Jugendlichen liegen können. Der «Krisen-Kompass» widmet diesem Fall ein ganzes Kapitel und nennt auch Warnzeichen für Suizidgefährdung. Oft steht man als erwachsene Person ziemlich hilflos da, wenn sich ein junger Mensch das Leben nehmen will. Als Lehrperson möchte man aber seinen Schülerinnen und Schülern möglichst gut helfen. Man kann aber trotz bester Absicht vieles falsch machen. Der «Krisen-Kompass» verhilft daher zu mehr Sicherheit im Umgang mit suizidgefährdeten Personen.

Augenfällig ist das Thema «Amokdrohungen». Bisher hat sich bei uns kein blutiger Amoklauf ereignet wie zuletzt im deutschen Winnenden. Nur Glück?
Ich sehe keinen Grund, warum die Schweiz auf ewig von Schulmassakern verschont bleiben sollte. In den USA sind solche Wahnsinnstaten leider keine Einzelfälle mehr. Mit der üblichen Verzögerung ist dieses Phänomen in Europa angekommen. Die Amokläufe an zwei finnischen Schulen und die beiden Schulmassaker in Deutschland an einem Gymnasium in Erfurt und einer Realschule in Winnenden werden mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht die letzten Gewalttaten dieser Art sein. Zu gross ist die Nachahmergefahr. Wir müssen aber alles daran setzen, solche Schulmassaker nicht noch herbei zu reden. Wir dürfen aber auch nicht den Kopf in den Sand stecken und einfach nichts tun.

Was unternimmt denn der LCH dagegen?
Der LCH ist nicht nur Mitherausgeber des «Krisen-Kompass». Wir werden auch in Zusammenarbeit mit der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten Weiterbildungskurse zur Amokprävention und zum richtigen Verhalten bei einem Schulmassaker anbieten. Im «Krisen-Kompass» findet man zu den verschiedenen Phasen eines Amoklaufs wichtige Anweisungen, damit möglichst wenig Opfer zu beklagen sind. Wissen ist zwar wichtig. Aber richtiges Verhalten muss auch geübt werden.

Noch wichtiger als das richtige Verhalten bei einem Amoklauf oder Suizid wäre die Früherkennung.
Früherkennung und Präventionsmassnahmen sind genauso wichtig wie das richtige Verhalten während eines Amoklaufs oder das richtige Reagieren nach einem Suizidversuch. Der «Krisen-Kompass» gibt zu allen Themen den letzten Stand der Wissenschaft auch bezüglich Früherkennung und Frühintervention. Die beste Prävention von Krisen sind aber intakte menschliche Beziehungen zwischen Lernenden und Lehrenden. Dies gilt analog natürlich auch für die Familie und die Peergruppe, zu denen Jugendliche gehören.

Letztlich aber reicht ein Handbuch kaum, um die zunehmenden Disziplinarprobleme bis hin zu Amokdrohungen in den Griff zu bekommen.
Es reicht tatsächlich nicht, wenn in jedem Lehrerzimmer ein solcher «Krisen-Kompass» steht. Es ist Aufgabe der Schulbehörden und Schulleitungen, Notfallkonzepte zu erarbeiten, die auf die örtlichen Verhältnisse zugeschnitten sind. Der LCH fordert seit dem Mord an einem St. Galler Reallehrer vor zehn Jahren, dass alle Kantone eine professionelle Krisenintervention einrichten, wie dies der Kanton St. Gallen mit grossem Erfolg getan hat. Sie ist rund um die Uhr erreichbar und leistet pro Jahr rund 100 Einsätze an Schulen.

Die Zahl der Schulausschlüsse hat zugenommen. Gibt es mehr gewaltbereite Schüler oder greift man öfter durch?
Eine der über 50 Massnahmen, welche der Kanton St. Gallen nach dem Lehrermord ergriffen hat, war die Einführung von so genannten Time-outs. Diese befristeten Schulausschlüsse sind in der Zwischenzeit von vielen Kantonen eingeführt worden. Das härtere Durchgreifen ist notwendig und richtig. Solche Schulausschlüsse werden aber nur als letzte Massnahme verfügt, wenn alles andere nicht greift. Dadurch stellt sich für die betroffene Klasse oft eine Beruhigung ein, und ein geordneter Unterricht wird wieder möglich.

Wie gefährlich ist der Lehrerberuf geworden?
Die Schule ist ein Abbild der Gesellschaft. Mobbing, gewalttätige Übergriffe bis hin zu Amokläufen gibt es ja vor allem ausserhalb der Schule. Ich erinnere nur an den Fall Tschanun oder das Massaker im Kantonsparlament Zug. Die Schule wird zwar oft als Reparaturwerkstatt der Gesellschaft gesehen. Sie kann aber nicht alle Defizite der Gesellschaft ausbügeln. Damit muss man als Lehrperson leben.

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