Neues Haus als kleines Kraftwerk

Die konsequente Anwendung neuester Technik bewirkt Wunder: An der Limmat steht ein Neubau, der mit Holz und Solarzellen die fünffache Menge des Eigenverbrauchs erzeugt.

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Haus Flory Neubau

Haus Flory Neubau

Aargauer Zeitung

Hans Lüthi

Es setzt in vielen Bereichen neue Massstäbe, das Energiehaus für Gewerbe und Wohnen im Stroppel-Gelände an der Limmat in Untersiggenthal. «Wir machen nichts Verrücktes, sondern schöpfen lediglich die heutigen Möglichkeiten konsequent aus.» Das sagt Biologe und Geschäftsführer Christoph Flory von Creanatira, einer Tochter von Pro Natura Aargau. Bauherr ist aber nicht die Naturschutzorganisation, sondern die Familie Claire Bonifay und Christoph Flory. Die Familie wohnt (noch) an der Oberdorfstrasse 6 in Ennetbaden, wo sich auch der Geschäftssitz von Creanatira befindet. Die Firma bearbeitet sämtliche Aufgaben in den Schutzgebieten professionell, mit vier Festangestellten und 15 Zivis, wie Flory die Zivildienstleistenden nennt.

Strom für zehn Wohnungen

Eine hohe und spezielle Umweltsensibilität gehört beim Biologen Flory zum Alltag, beim Neubau setzt er sein Wissen akribisch in die Tat um. Beispiel Strom: Auf dem grossen Satteldach des Wohn-Gewerbebaus im Umfang von vier Einfamilienhäusern hat es 400 Quadratmeter Solarzellen. Die Photovoltaik allein kostet 450 000 Franken des 1,6 Millionen teuren Neubaus. «Ohne garantierten Abnahmevertrag könnte man die Stromproduktion nicht finanzieren», erklärt Flory. Aber das Warten in der langen Schlaufe bei der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) des Bundes ist ihm viel zu riskant. Die Rettung kommt aus Zürich: «Das EWZ garantiert uns vertraglich die Abnahme für 20 Jahre und verkauft die Energie als Solarstrom», freut sich der unkonventionelle Bauherr. Die Anlage hat eine Leistung von 52 Kilowatt und produziert im Jahr 45 000 Kilowattstunden (kWh) Strom. Das entspricht in etwa dem Verbrauch von 10 Wohnungen. Interessante Folge: Der Neubau produziert die fünffache Menge des Eigenverbrauchs.

Zahlen zum Neubau

Das Mehrzweckgebäude bei Stroppel in Untersiggenthal ist 11 Meter breit, 28,5 Meter lang und hat eine Firsthöhe des Pultdaches von 9,3 Metern. Das umbaute Volumen beträgt 2170 Kubikmeter, im Erdgeschoss befinden sich der Klubraum für den nahen Tennisplatz, 3 Ateliers, Abstellräume und Heizung, im Obergeschoss eine 4½-Zimmer-Wohnung und drei Büros. Ein Makel sind die Autoabstellplätze Richtung

Süden, gleich an der Strasse. Dafür blieb die rückwärtige grüne Ruhezone erhalten. Übrigens: Die Bauherren gelangten an die «Energiestadt» Untersiggenthal, sie möge einen Teil der hohen Gebühren von 81 483 Franken erlassen. Bescheidene Antwort: Die Gemeinde verzichtet auf 350 Franken! (Lü.)

Holzheizung auch für Nachbarn

Holz ist das zentrale Thema für die hervorragende Energieeffizienz, denn der nicht unterkellerte Bau besteht aus Holz aus dem Schwarzwald. Neben dem Festholz in den Wänden gibt es dicke Isolationsmatten auf Holzfaserbasis. Das ökologische Baumaterial ist diffusionsoffen und benötigt wenig graue Energie. Die CO2-freie Holzheizung ist so konzipiert, dass auch das 100 Jahre alte Kosthaus der Spinnerei gleich neben dem Neubau geheizt werden kann. «Damit lassen sich jährlich 10 000 Liter Heizöl einsparen», betont Chris-toph Flory. Unter dem Strich braucht das Gebäude 26,5 kWh pro Quadratmeter, die Minergie-Limite liegt bei 38 kWh. Mit grossem Aufwand liesse sich der Verbrauch weiter senken, aber das würde nur zwei Ster Holz im Jahr einsparen.

Sensibler Wasser-Umgang

Bewusst steht das Haus 60 Zentimeter über dem höchsten Hochwasserpegel der letzten Jahre. Sorgsam ist auch der Umgang mit Wasser - obwohl das Haus am Wasserschloss steht: Das Regenwasser wird gesammelt, für die Toilettenspülung und den Garten. Mit Chromstahl bei den Rinnen und Aluminum bei den Einläufen werden Sondermüll-Böden verhindert. Der Kanton erlaubt nach wie vor auch Kupfer oder Zink. Für das warme Wasser sorgen selbstverständlich Sonnenkollektoren. Florys Fazit: Die Kosten sind nicht höher als bei einem üblichen Neubau - abgesehen von der teuren Photovoltaik.