Jürg Rettenmund

«Wir müssen uns keine falschen Hoffnungen machen», sagt Reinhard Schnidrig, Leiter der Sektion Jagd, Wildtiere und Waldbiodiversität im Bundesamt für Umwelt (Bafu): «Bis im Oberaargau eine Wildbrücke über die Autobahn entsteht, kann es 15 oder mehr Jahre dauern.» Eine solche ist zwar geplant, doch das Bundesamt für Strassen (Astra) verwirklicht solche Projekte erst, wenn auf einem Autobahnabschnitt ohnehin eine Sanierung ansteht. Im Oberaargau ist das gemäss Schnidrig anscheinend frühestens im erwähnten Zeitraum der Fall.

Eine dauerhafte Lösung für die Rothirsche, die im Längwald zwischen Wangen a/A und Rothrist Schäden verursachen, lässt deshalb auf sich warten. Dort stauen sich die Hirsche auf ihrer natürlichen Fernwanderung von den Alpen in den Jura, weil die eingezäunte Verkehrsachse für sie ein unüberwindbares Hindernis ist. Weil der Längwald für sie ein idealer Lebensraum ist, bleiben sie dort. Inzwischen wurden bei der kantonalen Wildzählung rund 20 Tiere festgestellt. Das sind zu viele für dieses Gebiet, und die Folge sind Schäden an Wäldern und landwirtschaftlichen Kulturen (wir berichteten).

Im Jura will man den Hirsch

Die Tiere zu bejagen, wie es der bernische Jagdinspektor Peter Juesy in Erwägung gezogen hat, ist für Schnidrig trotzdem keine Lösung. «Die Jäger und die Jagdverwaltungen der Jurakantone möchten den Hirsch in ihrem Gebiet aktiv fördern», erklärt er. Unter der Regie des Bafu habe eine Arbeitsgruppe auf Initiative des Kantons Jura untersucht, wie dies geschehen könnte. Das Ergebnis laut dem inzwischen vorliegenden Schlussbericht: Die Hirsche breiten sich zwar von der Waadt in Richtung nördlicher Jura aus, doch das geschieht nur sehr langsam.

Eine Variante ist deshalb, Tiere auszusetzen. «Wo könnte dies natürlicher geschehen als zwischen dem Oberaargau und Solothurn, wo die Wanderung stattfinden würde, wenn sie nicht von der Autobahn unterbrochen würde?», fragt Schnidrig. Deshalb ist der Eidgenössische Jagdinspektor, wie er in Erinnerung an frühere Aufgaben immer noch genannt wird, daran, für Sommer eine Sitzung mit den deutschsprachigen Kantonen des Jurabogens (Aargau, Basel-Land, Bern und Solothurn) zu organisieren. Er will mit ihnen eine Umsiedlung von fünf bis zehn Hirschen aus dem Längwald diskutieren. Das sei ein erster Schritt. Selbstverständlich sei vorgesehen, später auch die welschen Kantone einzubeziehen.

Echo positiv, Lebensräume geeignet

Der Mailverkehr für die Terminabklärung habe ihm gezeigt, dass das Echo mindestens bei den Jagdverantwortlichen äusserst positiv sei. Die Studie habe auch gezeigt, dass es im Jurabogen genug geeignete Lebensräume gebe. Vorbehalte könnten noch in Forstkreisen und in der Landwirtschaft vorhanden sein, doch diese Kreise gelte es nun mit ins Boot zu holen. Schnidrig ist deshalb überzeugt davon, dass eine Übersiedlung im nächsten Winter möglich wäre. Das Bafu ist bereit, das Projekt mitzufinanzieren. Erfahrungen mit dem Einfangen und Umsiedeln von Rothirschen habe man zwar nicht aus der aktuellen Hirschpolitik, jedoch aus den Frühzeiten der Wiederansiedlung, erklärt Schnidrig.

Die Tiere mit Sendern ausrüsten

Damals seien die Tiere nicht nur kreuz und quer durch die Schweiz versetzt worden, sondern es seien auch Tiere zum Beispiel aus den Karpaten eingekreuzt worden. Im Oberaargau mache eine «Übersiedlung» auch aktuell Sinn, weil man ja bloss das, was man später mit der Wildbrücke erreichen wolle, etwas vorziehe.Wie die Hirsche dann eingefangen würden, sei Gegenstand weiterer Abklärungen, erklärt Schnidrig. Sicher werde man die versetzten Tiere dann mit Sendern ausrüsten, mit denen sich ihre Wanderungen verfolgen lassen. «So», sagt Schnidrig, «können wir gleichzeitig etwas über diese Tiere lernen».