«Natur steckt nicht unter der Käseglocke»

«Natur steckt nicht unter der Käseglocke»

«Natur steckt nicht unter der Käseglocke»

Josef Fischer (50), Geschäftsführer bei der Stiftung Reusstal, steht als Naturschützer häufig zwischen den Fronten.

Fabian Hägler

«Nein, ich habe keinen Lieblingsvogel», schmunzelt Josef Fischer, als er fürs Foto einen ausgestopften Nachtreiher aus der Vitrine holt. Von seinem Büro im Zieglerhaus Rottenschwil aus wirft der Geschäftsführer der Stiftung Reusstal einen Blick auf die Stille Reuss. «Wenn ich Glück habe, kann ich von hier aus dem Eisvogel beim Jagen zuschauen, während ich telefoniere», erzählt er.

Herr Fischer, der Flamingo, der sich bis zu seinem Abschuss vor gut einer Woche am Flachsee aufhielt, hat Ihrem Naturschutzgebiet viele neue Besucher und viel Publizität gebracht. Waren Sie froh über dieses «Zugpferd» im Januarloch?

Josef Fischer: Es ist sicher richtig, dass einige Leute vor allem wegen des Flamingos an den Flachsee gekommen sind. Aber wir haben auch ohne Flamingo im Winter viele Besucher. Wenn an einem Wochenende die Sonne scheint, zieht es die Leute in grosser Zahl ins Reusstal.

Gibt es einen Nachfolger für den Flamingo, einen anderen spektakulären Gast am Flachsee?

Fischer: Nein, im Moment weiss ich von keinem anderen exotischen Vogel, der sich im Gebiet aufhält. Das ist aber auch nicht zwingend nötig, der Flachsee ist als Erholungsraum und für ein Naturerlebnis immer attraktiv.

Die Stiftung Reusstal bezeichnete den Abschuss des Flamingos als unsensibel...

Fischer:Ich möchte mich zur- zeit dazu nicht mehr äussern. Momentan laufen diverse Abklärungen. Wenn diese abgeschlossen sind, werden wir allenfalls wieder Stellung nehmen.

Ihre Organisation unterstützt Massnahmen gegen die Rostgans. Der Laie fragt sich: Wo liegt der Unterschied zum Flamingo?

Fischer:Im Gegensatz zum Flamingo ist die Rostgans eine so genannte invasive Art. Wie die Bezeichnung schon sagt, dringt sie in Nischen ein und konkurrenziert einheimische Vögel.

Was heisst das konkret?

Fischer:Die Rostgans ist aggressiv und hartnäckig, wenn es um Brutplätze geht. Sie besetzt zum Beispiel recht häufig Nistkästen, die für Schleiereulen oder Falken vorgesehen sind. Oder sie breitet sich auf den Kiesinseln im Flachsee aus und macht so dem Kiebitz oder dem Flussregenpfeifer den Lebensraum streitig.

Aber ist es nicht auch positiv für die Artenvielfalt, wenn die Rostgans als zusätzliche Art neu am Flachsee auftaucht?

Fischer: Im ersten Moment kann tatsächlich dieser Eindruck entstehen. Wenn die Rostgans eine Art wäre, die aus eigener Kraft ihren Lebensraum vergrössert und nun auch in die Schweiz kommt, wäre auch nichts dagegen einzuwenden. Die Rostgänse, die bei uns auftauchen, sind Flüchtlinge aus Zoos oder privaten Volieren. Von einer natürlichen Ausbreitung kann hier keine Rede sein.

Aber ist es nicht ein natürlicher Vorgang, dass fremde Vögel auch in die Schweiz einwandern?

Fischer: Grundsätzlich ist nicht das Fremde an und für sich das Problem, sondern die invasive Ausbreitung auf Kosten anderer. Es gibt auch Beispiele von fremdländischen Arten, die Nischenbesetzen, die nicht von einheimischen Arten besetzt waren, wo das Fremde bereichernd wird.

Trotzdem ist es für viele Leute schwer zu verstehen, wenn sich eine Naturschutzorganisation wie die Stiftung Reusstal für den Abschuss von Vögeln ausspricht.

Fischer: Das stimmt, und es gibt Leute, die grundsätzlich der Meinung sind, dass der Mensch kein Recht hat, wild lebende Tiere zu töten. Von mir aus gesehen muss man im Einzelfall immer abwägen, welche Massnahmen angemessen sind. Wenn ein invasiver Vogel wie die Rostgans einheimische Arten gefährdet, ist es sogar Pflicht einer Naturschutzorganisation, sich Gedanken über mögliche Reaktionen zu machen.

Trotzdem: Muss man denn wirklich fremde Vögel abschiessen? Gibt es keine anderen Möglichkeiten, sie zu vertreiben?

Fischer: Der Abschuss ist für mich immer erst das letzte Mittel, die Ultima Ratio. Vor allem in einem Schutzgebiet ist das problematisch, weil zu schützende Tiere gestört werden. Zu prüfen sind grundsätzlich alle Möglichkeiten. Gegen die Rostgans kann man zum Beispiel die Einfluglöcher der Schleiereulenkästen verkleinern oder Eier aus den Gelegen entfernen. Letztendlich muss die gewählte Methode aber auch effizient sein.

Was ist mit dem Kormoran, der heimische Fische frisst? Und dem Biber, der Bäume umnagt und Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen verursacht?

Fischer: Im Unterschied zur Rostgans sind Kormoran und Biber beides heimische Arten. Sie wurden früher intensiv bejagt und in der Schweiz ausgerottet – jetzt kehren sie erfreulicherweise wieder zurück. Beide gehören zur Tierwelt unseres Landes, und die Schäden halten sich im Rahmen.

Das sehen Fischereikreise und gewisse Bauern aber anders.

Fischer: Natürlich, und das ist auch völlig normal. Es ist legitim, wenn alle Seiten ihre Interessen vertreten. Maximalforderungen führen letztlich aber nicht zum Erfolg. Es braucht immer einen Kompromiss, in den Fällen von Kormoran und Biber zwischen Naturschutz, Fischerei und Landwirtschaft. Wenn ein Fischer partout eine gewisse Menge Fische pro Jahr aus einem Gewässer holen, ein Bauer bis dicht an die Uferlinie eines Bachs ackern oder ein Naturschützer die Jagd auf gewisse Vogelarten grundsätzlich untersagen will, auch wenn der Bestand hoch genug ist, wird am Ende niemand Erfolg haben.

Sie stehen als Geschäftsführer der Stiftung Reusstal oft im Brennpunkt solcher Konflikte. Ist das mit der Zeit nicht sehr aufreibend und anstrengend?

Fischer: Es ist nicht einfach, aber interessant. Unsere Aufgabe ist, mit wissenschaftlichen Grundlagen gute Argumente für die Naturschutzinteressen zu liefern. Letztlich ist es ein demokratischer Prozess, in den wir eingebunden sind. Wenn eine Gemeindeversammlung zum Beispiel Nein sagt zu einer Umzonung für ein Naturschutzprojekt, haben wir vielleicht zu wenig gute Überzeugungsarbeit geleistet.

Stichwort Überzeugungsarbeit: Wie erklären Sie den Leuten auf einer Exkursion, warum das Schilf an der Stillen Reuss gemäht wird oder bei den Tümpeln ein Bagger im Einsatz ist? Solche Eingriffe sind schliesslich unnatürlich.

Fischer: Das sind tatsächlich Fragen, die oft gestellt werden. Manche Leute haben das Gefühl, die Reussebene sei wie ein Nationalpark: ein Naturschutzgebiet, das wie unter einer Käseglocke sich selbst überlassen wird, frei von menschlichen Eingriffen. Das ist aber falsch. Ein grosser Teil der Landschaft in unserem Gebiet ist vom Menschen gestaltet. Durch den Bau des Kraftwerks Zufikon ist der Flachsee als Biotop überhaupt erst entstanden.

Aber warum kann man die Natur in den Schutzgebieten nicht einfach sich selbst überlassen?

Fischer: Weil dann sehr schnell gewisse Lebensräume verschwinden würden. Wenn wir nicht von Zeit zu Zeit die Tümpel ausbaggern, verlanden sie unweigerlich. Wenn wir auf den Kiesinseln die Vegetation nicht entfernen, werden sie mit der Zeit vollständig überwuchert. Wenn wir invasive Pflanzen wie die kanadische Goldrute nicht bekämpfen, nehmen sie überhand und verdrängen seltene heimische Arten.

Muss man der Natur wirklich so unter die Arme greifen? Könnte man diese Prozesse nicht einfach unbeeinflusst laufen lassen?

Fischer: Das würde nur funktionieren, wenn die Reuss viel mehr Platz hätte und ihre natürliche Dynamik frei «ausleben» könnte. Dann würden sich auf natürliche Art und Weise regelmässig neue Lebensräume bilden und andere verschwinden. Allerdings hätten wir immer noch das Problem von fremden Arten, die vom Menschen eingeschleppt werden.

Ist der Mensch also ein gefährlicher Störfaktor für die Natur?

Fischer: Das kann man nicht so pauschal sagen. Ich freue mich zum Beispiel, wenn die Leute an den Flachsee kommen, sich hier erholen, die Natur geniessen und ihre Hobbys pflegen. Aber wenn Biker abseits der Wege fahren, Wanderer ins Schutzgebiet eindringen und brütende Vögel stören, Spaziergänger ihren Hund freilaufen lassen oder Reiter mit ihren Pferden munter querfeldein unterwegs sind, dann müssen wir eingreifen.

Also ist Ihre Zukunftsvision für die Reussebene nicht die einer völlig unkontrollierten Wildnis?

Fischer: Nein, das ist auch nicht realistisch. Es muss uns gelingen, die unterschiedlichen Nutzungsansprüche und Bedürfnisse möglichst optimal unter einen Hut zu bringen. Gefragt ist ein Miteinander von Natur und Mensch, das geprägt ist von Respekt und gegenseitiger Rücksichtnahme.

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