Bereits sind Lehrstellen fürs 2011 ausgeschrieben. Dabei sind bei den sechs Lehrstellennachweisen für dieses Jahr noch fast 700 als offen gemeldet. Viele davon können nie besetzt werden. Ursache: die Demografie.

Bruno Utz

30000 Ausbildungsstellen seien derzeit in ganz Deutschland noch unbesetzt. Dies meldete «Bild am Sonntag». Als Ursache wurden einerseits die wegen der demografischen Entwicklung sinkenden Bewerberzahlen genannt, andererseits die anziehende Konjunktur. Berücksichtigt man die Bevölkerungszahlen, so siehts im Kanton Bern nicht besser aus. «Anfang Juni waren bei den sechs kantonalen Lehrstellennachweisen (Lena) in 125 Berufen total 689 offene Lehrstellen gemeldet», sagt Sybille Beyeler vom Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA). «Das waren 167 mehr als im Vorjahr.»

Eine Pflicht, den Lenas Lehrstellen zu melden, bestehe nicht, verweist Beyeler auf eine Grauzone: «Für gewisse Berufe erhalten Firmen jeweils bereits ein Jahr im Voraus 50Blindbewerbungen. Solche Lehrstellen werden uns natürlich nicht gemeldet.»

Wende im Jahr 2007

Gemäss einer MBA-Statistik steigt die Zahl der unbesetzten Lehrstellen seit 2007 von Jahr zu Jahr kontinuierlich an. Beyeler führt das wachsende Auseinanderklaffen von Angebot und Nachfrage hauptsächlich auf die Demografie zurück. «Heuer beobachten wir zudem, dass es vor allem zu wenig Jugendliche für technische Lehrstellen mit hohen Anforderungen hat», sagt Beyeler. So hätten am Stichtag 24 Elektroinstallateurlehrlinge, 22 Polybauer und 21 Polymechaniker gefehlt.

Die offene Polymechaniker-Lehrstelle der Moser-Ingold AG aus Thörigen ist inzwischen besetzt. «Wir hatten massiv weniger und erst noch schulisch ungenügende Bewerbungen als letztes Jahr. Deshalb konnten wir die Lehrstelle erst relativ spät vergeben», sagt Rolf Ochsenbein. Möglicherweise hätten auch die vielen in den Medien erschienenen Krisenmeldungen bei den Jugendlichen zum gesunkenen Interesse an einem Beruf der Metall- und Maschinenbranche beigetragen.

Zu wenig nachgefragt bleibt heuer auch die Ausbildung zum Spengler. «Ich konnte unsere freie Lehrstelle erst am vergangenen Samstag besetzen. So spät, das ist nicht normal», sagt Hugo Grütter von der Fritz Grütter AG in Roggwil. Lange habe sich niemand beworben. «Plötzlich hätte ich aber drei Jugendliche einstellen können.»

Spät dran war diesmal auch die Witschi AG in Langenthal. Doch jetzt sind die kürzlich noch als offen gemeldeten zwei Maurerlehrstellen besetzt. «Von der Demografie spürten wir bisher wenig bis nichts», sagt Beat Leuenberger von der Witschi AG. Interessenten seien vorhanden, aber deren schulische Qualität sei eher tief.

«Das spüren wir»

Seit 1989 führt Martin Aeschbach in Sigriswil die von ihm gegründete «Lehrstellenzentrale». Aeschbach ist überzeugt, dass dieses Jahr mehr als die landesweit üblichen 7 bis 10 Prozent aller Lehrstellen unbesetzt bleiben werden. Das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie habe schweizweit bis 2018 einen Rückgang der Schulabgänger von 12 Prozent angekündigt. Aeschbach: «Das spüren wir.» Ein konjunkturbedingtes Auf und Ab wie in Deutschland kenne die Schweiz jedoch nicht. «Sicher gibt es Firmen mit wirtschaftlichen Problemen. Aber auch diese bilden weiterhin Lehrlinge aus. Gute Fachkräfte braucht es immer.»