Nachrichten bei 16 Grad

Eine Maskenbildnerin schildert in einem neuen Buch die Eigenarten und Macken bekannter TV-Gesichter aus Deutschland.

Drucken
Teilen
Hofer.jpg

Hofer.jpg

Keystone

Martin Weber

Jan Hofer liest jede Meldung vor der Sendung mindestens zwei- bis dreimal, Susanne Daubner macht sich mit Sprechübungen locker, und für Karl-Heinz Köpcke musst die Klimaanlage im Studio immer auf exakt 16 Grad eingestellt werden - der legendäre Sprecher der «Tagesschau» liebte es etwas frischer.

Welche Eigenarten und auch Macken die Sprecher der erfolgreichen deutschen Nachrichtensendung haben, darüber gibt in dem jetzt von Nea Matzen und Christian Radler herausgegebenen Buch «Die Tagesschau - Zur Geschichte einer Nachrichtensendung» (UVK-Verlag Konstanz) eine Frau Auskunft, die es wissen muss: Marita Charissé arbeitet seit 24 Jahren als Maskenbildnerin bei der deutschen «Tagesschau» und hat von Karl-Heinz Köpcke über Dagmar Berghoff bis Jens Riewa viele Sprecher und Sprecherinnen aus allernächster Nähe erlebt.

Das Kapitel, in dem die Schminkexpertin aus dem Nähkästchen plaudert, ist denn auch mit Abstand der unterhaltsamste Abschnitt des 326 Seiten starken Buchs, das sich von Nachrichtenauswahl und Themensetzung bis zur Bildsprache um zahlreiche Aspekte der 1952 gestarteten ARD-Nachrichtensendung dreht.

So sei der 1991 verstorbene Karl-Heinz Köpcke, der von 1959 bis 1987 bei der «Tagesschau» war, zwar «eine absolute Persönlichkeit», mitunter aber «etwas speziell» gewesen, gibt Marita Charissé zu Protokoll. Wenn sich der legendäre Chefsprecher für die Sendung schminken und frisieren liess, musste seine Garderobe abgeschlossen werden, ausserdem durfte die Temperatur im Studio nicht mehr und nicht weniger als 16 Grad betragen.

Dagmar Berghoff, von 1976 bis 1999 «Miss Tagesschau», wählte ihre Blusen gerne danach aus, was nach der «Tagesschau» lief: Ging es nach den Nachrichten mit Fussball weiter, hatte die Bluse schon mal einen sportlichen Schnitt. «Auch die Nachrichtenlage bestimmte das Outfit», heisst es in dem Buch: «Bei Todesfällen wählte sie bedeckte Kleidung.» Susanne Daubner, seit zehn Jahren bei der «Tagesschau», leidet gelegentlich immer noch unter Lampenfieber und bringt vor ihrem Auftritt die Sprechwerkzeuge auf Betriebstemperatur: «Ich bin keine Opernsängerin, aber ich mache auf jeden Fall vor jeder Sendung einige Sprechübungen», sagt die brünette 47-Jährige.

Ihren aufregendsten Moment erlebte Daubner vor ein paar Jahren, als ein Putzmann während der Sendung durchs Studio huschte und ihr höflich einen guten Morgen wünschte. «In dem Moment zählte für mich nur eins: nämlich die Sendung ohne irgendwelche Zwischenfälle zu Ende zu bringen», wird Daubner in dem Buch zitiert. «Wenn ich damals allerdings geahnt hätte, wie oft diese Sequenz im Fernsehen gezeigt werden würde, wäre ich vorher noch mal zum Friseur gegangen und hätte mir auf jeden Fall einen anderen Blazer angezogen.»

Chefsprecher Jan Hofer liest jede Meldung vor der Sendung mindestens zwei- bis dreimal, manchmal häufiger: «Die Häufigkeit hat mit der Frage zu tun, wie konzentriert ich an diesem Tag bin oder ob ich mit dem falschen Bein aufgestanden bin.» Schlimme Nachrichten, die er in der «Tagesschau» verkünden muss, verarbeitet er für sich meist schon vor der Sendung. Oft werde ihm aber erst später das Ausmass einer schrecklichen Meldung in seiner ganzen Bandbreite bewusst. «Dann helfen nur noch Gespräche mit Kollegen und der Familie.»

Claus-Erich Boetzkes, der in der Regel in «Tagesschau»-Ausgaben am Mittag und Nachmittag zu sehen ist und wegen seiner Körpergrösse als einziger Sprecher im Sitzen und nicht im Stehen moderiert, gibt sich da abgeklärter: «Sie gewöhnen sich daran, ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich heule.»

Besonders gern erinnert sich Maskenbildnerin Marita Charissé in dem Buch an den legendären Jo Brauner, der von 1975 bis 2004 als «Tagesschau»-Sprecher arbeitete. Brauner war nicht nur witzig, sondern auch erfrischend unkompliziert. Als eine Maskenbildnerin einmal zu spät kam, schminkte Brauner seinen Kollegen vom Sport einfach selbst.

Nea Matzen / Christian Radler (Hrsg.) Die Tagesschau - Zur Geschichte einer Nachrichtensendung. UVK-Verlag, Konstanz 2009. 326 S., Fr. 42.90.

Aktuelle Nachrichten