Zwischen zwei Führungen hatten die zahlreichen Besucher der Einweihungsfeier für das neue Wohnhaus im Werk- und Wohnhaus zur Weid (WWW) in Rossau die Wahl: Architektur- oder Kunst-Rundgang. Die Architektur-Gruppe war zwar grösser, mehr zu reden gab dann aber doch die Kunst am Bau.

Wellen als Kontrast zum Kubischen

Sichtlich angetan zeigten sich die Besucher von den konzentrischen Wellen: eine Bodenwelle im Korridor des ersten Stocks, eine weitere im zweiten - als wäre im Zentrum des Gebäudes ein Stein ins Wasser gefallen. Der Eichen-Industrieparkett zieht sich fugenlos über diese Erhebungen, sodass die Wellenbewegung unterirdisch zu verlaufen scheint. Der Kontrast zum robusten Bau mit seinen kubischen Formen und schlichtem Intérieur kommt gut an, Kinder nutzen die Welle spontan als Rutschfläche.

So weit so gut, doch bei den ergänzenden Kunstwerken, die Nic Hess aus der Sammlung der Stadt Zürich ausgesucht hat, scheiden sich die Geister. «Ich wollte keine dekorativen Sachen, sondern Kunst, die zum Nachdenken anregt», begründet der in Los Angeles und Zürich lebende Schweizer die düster anmutende Auswahl, unter anderem «Home for a few» - eine mehrteilige Arbeit von David Chieppo über ein Haus, das auch als Hitchcock-Kulisse hätte dienen können, und seine Bewohner - im 1. und die irritierende Porträtserie «Ahnengalerie« von Gabi Vogt im 2. Stock. Das sei Menschen in einer Lebenskrise nicht zuzumuten, zudem würden die Ideen des Künstlers einen grossen Teil der Bewohner intellektuell überfordern, meinten viele der Einweihungs-Besucher. «Das sind erwachsene Leute, die mehr erlebt haben, als du und ich», hält Hess dagegen. Trotzdem hat er sich bereit erklärt, einen Kunst-Rundgang für Bewohner zu machen und so abzuklären, wie diese auf die Bilder reagieren.

30 Einzelzimmer und eine Cafeteria

Bei aller Kontroverse um die Kunst darf die Architektur des 6,53-Mio.-Franken-Baus nicht vergessen werden. Das winkelförmige Wohnhaus ordnet sich harmonisch in die Gesamtstruktur der Anlage. «Die grossen Öffnungen und Vordächer sollen zum Eintreten einladen», so Architekt Raphael Schmid. Das Wohnhaus II ist behindertengerecht konzipiert, fasst 30 Einzelzimmer, verschiedene Aufenthalts- und Freizeiträume, einen Mehrzweckraum sowie das «Weid-Kafi». Mit dieser öffentlichen Cafeteria unterstreicht das WWW einmal mehr seine Ambition, eine offene Einrichtung zu sein, die zu Besuch und Begegnung einlädt. Besonderen Wert hat die Stadt Zürich als Bauherrin auf Nachhaltigkeit gelegt. Dazu gehören ein eigenes Wassernetz für WC und Duschen, das begrünte Dach mit Solaranlagen, aber auch der Verputz: Während innen ein Lehmputz für ein gutes Raumklima sorgt, wurde für die Fassade ein Luft-Kalkputz gewählt, der in ähnlicher Form seit 10 000 Jahren zur Anwendung kommt, aber in den letzten 150 Jahren in Vergessenheit geriet.

Vom Männerheim zum geschützten Lebensraum

1913 wurden im damaligen «Männerheim» in Rossau erstmals Männer platziert, von denen man dachte, man könne sie der Zürcher Bevölkerung nicht mehr zumuten. Von «pathologischer Minderwertigkeit» und «unheilbarar Trinksucht» ist in alten Aufzeichnungen die Rede. «Zum Glück hat sich die Beurteilung dieser Lebenssituationen seither geändert», hielt Stadtrat Gerold Lauber in seiner Ansprache fest.

Der Neubau wurde notwendig, weil das alte «Pensionärshaus» von 1919 an seine räumlichen Grenzen stiess. Mit den 30 zusätzlichen Zimmern konnten auch bestehende Doppel- in zeitgemässe Einzelzimmer umgewandelt werden. Heute bietet das WWW bis zu 70 Frauen und Männern mit sozialen, psychischen und Suchtproblemen einen geschützten Wohn- sowie Arbeitsplatz in den Bereichen Holzverarbeitung, Landwirtschaft, Gärtnerei, Bio-Laden, Hauswirtschaft und Küche. Die Möbel für den Neubau stammen übrigens grösstenteils aus der betriebseigenen Schreinerei.