Nach der Tragödie hagelt es Kritik

Nach der Tragödie an der Loveparade in Duisburg mit 20 Toten und über 500 Verletzten gibt es noch keine Antworten – aber happige Vorwürfe.

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Nach der Tragödie hagelt es Kritik

Nach der Tragödie hagelt es Kritik

Die wütenden Vorwürfe gegen die Verantwortlichen der verhängnisvollen Loveparade in Duisburg werden immer lauter. Die Ermittler lieferten nach der Katastrophe gestern zwar noch keine Erklärungen.

Doch es verdichteten sich Hinweise, dass Warnungen missachtet und behördliche Vorschriften bewusst aufgeweicht worden sind. Bei der Party wurden nach neuen Angaben insgesamt 511 Menschen zum Teil schwer verletzt. Einer der Schwerverletzten verstarb gestern Abend im Spital, die Zahl der Toten stieg somit auf 20.

Die Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung stünden noch am Anfang, sagte Staatsanwalt Rolf
Haverkamp in Duisburg. Um Befangenheit bei den Ermittlungen zu vermeiden, würden die Ermittlungen an die Kölner Polizei übertragen, sagte ein Sprecher des Innenministeriums.

Polizeigewerkschaft warnte

An der Spitze der Kritik am Sicherheitskonzept der Techno-Parade steht die Deutsche Polizeigewerkschaft. «Ich habe vor einem Jahr Duisburg als ungeeignet für die Loveparade abgelehnt und bin dafür als Spassverderber und Sicherheitsfanatiker beschimpft worden», sagte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft, Rainer Wendt.

«Aber die Verantwortlichen waren besessen von der Idee, etwas für diese gebeutelte Stadt zu tun. Ich bin alles andere als glücklich darüber, nun leider auf diese Weise bestätigt worden zu sein.» Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, Erich Rettinghaus, sagte, «Polizei und Feuerwehr haben viel Erfahrung mit Grossveranstaltungen. Praktisch nichts davon wurde umgesetzt.»

Oberbürgermeister angezeigt

Auch die Trauernden, die vor dem Todestunnel Blumen, Bilder und Briefe niederlegten, finden deutliche Worte für ihre Erschütterung: «Und keiner hat Schuld – jeder Vollidiot hätte es besser gewusst», hat jemand auf ein Stück Pappe geschrieben. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) hatte das Sicherheitskonzept der Loveparade verteidigt und das Unglück auf «individuelle Schwächen» zurückgeführt. Gegen ihn erstattete der ehemalige Bochumer Polizeipräsident Thomas Wenner (62) nun persönlich Anzeige.

Wenner hatte 2009 als amtierender Polizeipräsident die für Bochum geplante Loveparade abgesagt. Sauerland war am Sonntag von Trauernden angegriffen worden. Er wurde ausgebuht, beschimpft, ein Mann habe ihn mit Müll beworfen, berichtete die «Bild»-Zeitung.

Trotz dieser Kritik lehnt Sauerland einen Rücktritt ab. Er könne diese Forderung nachvollziehen, teilte er gestern mit. «Doch heute und in den nächsten Tagen muss es darum gehen, die schrecklichen Ereignisse aufzuarbeiten und die vielen Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenzufügen.»

Ein internes Verwaltungsdokument belegt gemäss «Spiegel Online» die Schwachstellen des Sicherheitskonzepts. So habe der Veranstalter nicht die sonst vorgeschriebene Breite der Fluchtwege einhalten müssen. Zugleich sei das Gelände ausdrücklich nur für 250000 Menschen zugelassen gewesen und nicht für über 1 Million Menschen. (dpa)

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