Beat Stauffer

Die Nachricht war der marokkanischen Presseagentur MAP bloss eine kleine Meldung wert, welche einige lokale Medien am Tag darauf in der Rubrik «Unglücksfälle und Verbrechen» veröffentlichten. Dies mutet angesichts der Umstände dieses Vorfalls doch etwas speziell an.

So soll es sich beim tödlich verunfallten Schweizer, von dem nur die Initialen (R.S.H.) bekannt gegeben wurden, um einen Touristen gehandelt haben, der am 29.November in Marokko eingereist war, um seine dort lebende Freundin zu besuchen. Mit zwei Landsleuten soll er am 4.Dezember auf die Dachterrasse eines siebenstöckigen Mehrfamilienhauses im Rabater Quartier Agdal gestiegen sein, als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel. Der später Verunfallte habe dann versucht, mithilfe eines «elektrischen Kabels» entlang der Fassade in die unter der Dachterrasse liegende Wohnung seiner marokkanischen Freundin zu gelangen. Bei diesem Versuch sei das Stromkabel gerissen und der Mann zu Tode gestürzt.

Hatten sie kein Handy?

Weshalb die drei Schweizer nicht versucht haben, die Nachbarn um Hilfe zu rufen oder per Handy die Polizei zu alarmieren, geht aus der Meldung nicht hervor. Auch über die Identität der beiden anderen Schweizer und ihre Beziehung zum tödlich verunfallten Landsmann wurde nichts bekannt.

Georg Farago, Sprecher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), bestätigt auf Anfrage dieser Zeitung den tödlichen Unfall. Die Identität des Verunfallten könne das EDA nicht kommunizieren; die Angehörigen seien aber informiert. Über den Hergang des Unfalls erstellten die marokkanischen Behörden einen Polizeirapport, der zurzeit noch nicht vorliege.

Waren Agenten verwickelt?

Möglicherweise hat der tragische Todesfall aber eine abenteuerliche Komponente. Laut einer gut informierten Quelle in Marokko soll es sich zumindest bei zwei der drei Personen, welche in den Fall verwickelt sind, um Mitarbeiter des Schweizer Nachrichtendienstes gehandelt haben, die in dienstlichem Auftrag in Marokko tätig waren. Sie sollen wenige Tage vor dem tödlichen Unfall in der Region von Meknes, rund 250Kilometer von Rabat, von der marokkanischen Polizei festgenommen, dann aber freigelassen und in der Folge beschattet worden sein.

Als sie tags darauf ihren Schweizer Bekannten in Rabat besuchen wollten, sei es zu einer Polizeirazzia gekommen, in deren Zusammenhang angeblich der tödliche Sturz stattfand. Die beiden Mitarbeiter des Schweizer Nachrichtendienstes seien am Tag erneut verhaftet und in ein Gefängnis in Salé bei Rabat gebracht worden. Laut dem erwähnten Informanten sollen die beiden Personen Mitte Januar nach Meknes – dem Ort ihrer ersten Verhaftung – transferiert und dort von einem Untersuchungsrichter verhört worden sein.

Behörden mauern

Weder von marokkanischer Seite noch vom EDA sind in dieser Sache präzisere Auskünfte zu erhalten. Dem EDA sei «nach dem heutigen Wissensstand nicht bekannt, dass die besagten Schweizer, die beim Todesfall eines Schweizer Bürgers vom 4.12.2009 in Rabat anwesend waren, durch die marokkanischen Behörden verhaftet worden sind», erklärte EDA-Sprecher Farago rund zwei Wochen nach der ersten Anfrage. Auch über den noch ausstehenden polizeilichen Untersuchungsbericht zum Todessturz und über die angebliche Verlegung der verhafteten Personen nach Meknes konnte und/oder wollte der EDA-Pressesprecher keine Auskünfte erteilen.

Heikle Recherchen

In den marokkanischen Medien ist zu dem mysteriösen Fall bis anhin nicht recherchiert worden. Es herrscht eine totale Informationssperre, sodass es nicht einmal möglich war, ein Bild des Unfallortes zu beschaffen. Journalisten dürften aber auch vor den scharfen Sanktionen zurückschrecken, die sie bei Recherchen über Themen zu befürchten haben, welche die Staatssicherheit tangieren. So ist es – zumindest von der Schweiz aus – zurzeit unmöglich, Licht in diese verworrene Geschichte zu bringen.