Musiker sind wie Spitzenfussballer

Die Camerata Bern spielt in der Schule  Bleienbach

Musiker sind wie Spitzenfussballer

Die Camerata Bern spielt in der Schule Bleienbach

In jeder Hinsicht den richtigen Ton getroffen hat die Camerata Bern an ihrem Konzert in Bleienbach und Rohrbach. Mit ihrem Programm möchte sie Kindern und Jugendlichen den Zugang zur klassischen Musik erleichtern.

Betty Ott-Lamatsch

Dass ein echtes Interesse und Bedürfnis besteht, Schwellenängste abzubauen und Bildung und Kultur einander näherzubringen, belegen die rund 90 Berner Schulen, die sich innerhalb eines Monats nach der Ausschreibung für ein Konzert der Camerata Bern meldeten. Nur deren 24 konnte das Orchester mit Weltruf berücksichtigen. Zu diesen Glückspilzen gehören auch die Volksschulen Lotzwil und Rohrbach im Oberaargau .

So kam es, dass 13 Solisten, die sonst auf Bühnen in der ganzen Welt zu Hause sind, am Freitagnachmittag die Herzen der 6- bis 13-jährigen Zuhörerinnen und Zuhörer in der Mehrzweckhalle Bleienbach eroberten, nachdem sie am Morgen in Rohrbach gastiert hatten.

Warten auf den grossen Moment

Aufgeregt und gespannt warten zuerst die Kindergarten- und Unterstufenkinder auf den grossen Moment. In einem zweiten Konzert wird der Mittelstufe aufgespielt. Dass sie heute in den Genuss eines einmaligen Angebots kommen, sind sich die Kinder nicht bewusst. Dass aber etwas Besonderes ansteht, das spüren sie sehr wohl.

«Ich habe mich heute extra hübsch angezogen», erzählt ein Mädchen. «Mami hat gesagt, dass man sich für ein solches Konzert nett herrichtet», meint ein anderes mit flotten Zöpfchen, und die siebenjährige Julia erzählt, dass es wohl sehr langsame Musik sein wird und dass sie vielleicht Zündhölzer brauchen werde, um ihre Augen offen behalten zu können.

«Bei uns im Kindergarten verglichen wir mit den Mädchen und Buben im Vorfeld Pop und Klassik. Sie sind zum Schluss gekommen, dass Pop laut und Klassik leise ist», erzählt die Bleienbacher Kindergärtnerin Monika Balsiger mit einem Lächeln. Sie hat, wie die anderen Lehrerinnen und Lehrer auch, die Gelegenheit ergriffen und die Kinder auf den speziellen Anlass vorbereitet.

Der Schiedsrichter pfeift dazwischen

«Unsere Musiker sind wie Hochleistungssportler», erklärt der quirlige und charmante Moderator Cyrill Tissot, der nach den ersten paar verheissungsvollen Takten mit einer Schiedsrichterpfeife dazwischen fährt. «Sie haben lange geübt, üben noch immer täglich und sind richtig durchtrainiert. Wie beim Fussball auch können sie nur gewinnen, wenn das Zusammenspiel funktioniert. Das heisst, harmonisch klingen tut es nur dann, wenn jeder seinen Teil richtig erfüllt!» Wie das in der Realität aussehen kann, wurde den aufmerksam lauschenden Kindern anhand des Stücks «Concerto in d-Moll» von Antonio Vivaldi sogleich auf spielerische Art und Weise erklärt.

«Concerto», so der Moderator, «heisst auf Lateinisch Konkurrenz, Kampf, Schlacht oder eben Match, und unsere Mannschaft in der klassischen Musik funktioniert sehr ähnlich, wie diejenige auf einem Fussballfeld.»

Der Captain spielt die erste Geige

So beginnt ein reger Austausch zwischen dem spontanen Publikum und dem Moderator, und rasch einmal ist die Mannschaftsaufstellung gemacht. Die erste Geige nennt man in der klassischen Musikwelt Konzertmeister. Diese übernimmt den Part des Captains. Die weiteren Geigen und die Celli sind die Aussenstürmer. Der Kontrabass funktioniert als Hüter der Tonart, ist also der Goalie. Die Bratschen und das langhalsiges Instrument mit seinem dicken Bauch, die Theorbe, bewegen sich in der hinteren Verteidigung.

«Rund 5000 Kinder erreichten wir mit unseren Konzerten in ländlichen Gegenden » so Louis Dupras, Geschäftsführer der Camerata Bern. «Nach dem Konzert wird den Lehrern ein Fragebogen zur Resonanz in ihren Schulen zugestellt und von uns ausgewertet.» Man spürt, wie viel Herzblut hinter dem von dem Kammerorchester entwickelten Konzept steht.

Dieses wurde von der kantonalen Erziehungsdirektion im Rahmen ihrer Strategie «Bildung und Kultur» als Pilotprojekt unterstützt und finanziert. Und genau dieses Programm schaffte die Hürde im Grossen Rat nicht und wurde zur weiteren Kürzung zurückgewiesen. Die faszinierten Kinder interessiert das kulturpolitische Hickhack hingegen nicht. Man darf auf ihre ehrliche Konzert- und Matchanalyse gespannt sein.

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