Bergrennen

«Motorsport und Bier, das passt»

«Motorsport und Bier, das passt»

«Motorsport und Bier, das passt»

Auch die 44. Auflage des ACS-Bergrennens in Reitnau ist ein Wirtschaftsfaktor - und das Spektakel beginnt schon früh am Morgen.

Peter Weingartner

Gestern früh in Reitnau: Während die meisten Motorsportler in ihren Wohnmobilen noch schlafen, fährt der Bäcker mit frischem Brot den Berg hoch. Da ist der Himmel offen, im Gegensatz zum Nebel im Talgrund. Die Rennwagen am Strassenrand sind mit Werbung verziert; auch Scientology ist dabei mit dianetics-racing.ch und testvous.com. Man nimmt, was man bekommt. Männertraum und Jägermeister.

Wenige Sekunden, bevor die Kirchenglocke 6.30 Uhr schlägt, startet Stephan Stöckli zum ersten Trainingslauf. «Dabei sein ist alles», sagt er, bevor er einen Schwarzen liegen lässt und bergwärts rohrt. Das Bergrennen ist ein Wirtschaftsfaktor für das Suhrentaler Dorf. Turnverein und der Männerchor haben das Beizenmonopol und können so ihre Vereinskassen äufnen. Die Poleposition auf der Zuschauerseite beanspruchen jene, die oben auf der Wiese an der Abschrankung übernachtet haben. Früh unterwegs ist Sepp Imhof aus Littau mit einer Krummen im Mund. Ihm gefällt die Atmosphäre; früher sei er selber gefahren, und jetzt besucht er jedes Bergrennen in der Schweiz. Manuel Stucki (22) aus Würenlingen, auch früh am Berg, keucht; der Sonnenschirm hängt an: «Motorsport und Bierli, das passt.»

Auch die Zuschauer müssen etwas leisten. Kühlboxen, Klappstühle, ganze Duvets werden hochgeschleppt. Oder ein «Instant Barbeque Kit». «Hast du die Steigeisen montiert», sagt einer zum Kollegen. Eichhof, Feldschlösschen, Cardinal: Wers selber mitbringt, trinkt güns-tiger. Man muss wirtschaftlich denken. Die Bauern, die ihr Feld für Parkplätze vermieten können, machen das Geschäft des Jahres, ist zu vernehmen. Dass das Bergrennen aber einen Stand-ortvorteil für Reitnau darstelle, darüber kann Regierungsrätin Susanne Hochuli nur schmunzeln: «Wir haben andere Vorteile, sind ein ländliches Dorf mit hoher Lebensqualität, privilegiert, da wir keinen Durchgangsverkehr haben.»

Am Vormittag steigt der Nebel höher und beeinträchtigt die Sicht der Fahrer. Es kommt zu einigen Drehern und Abhebern. Das Publikum applaudiert, wenn alles glimpflich abläuft. Das Dröhnen und Knallen ist Musik, der Benzingestank für die Freaks ein Wohlgeruch. «Die meisten können nicht Kurven fahren», sagt ein «Fachmann» und nimmt den nächsten Schluck. Auf dem Weg zum Start bietet Peter Böhmer aus Vaduz Mützen und T-Shirts, Hupen und Automodelle an. Der «Racing-Fan» besucht regelmässig solche Rennen, seis in der Schweiz, in Süddeutschland oder in Österreich. Er führt zu Hause «eine kleine Landwirtschaft».

Speaker Martin Hannes sieht zwar von seiner Position aus nicht ganz alles, aber er weiss viel. Rennfahrer sind nicht durchwegs Garagisten oder Automechaniker. Es gibt Sanitärmonteure, CNC-Programmierer, Lageristen, einen Lehrer und Kauffrauen. Dazwischen muss er Werbung machen: 100 Super-Punkte gibts für eine Autopolitur durch den Pneuhändler. Die IBAarau Erdgas AG verteilt Sonnencreme, die man am Nachmittag gut gebrauchen kann. Die Sonne lockt nämlich die Rekordzuschauerzahl von 12 500 nach Reitnau.

«Ich war noch nie am Bergrennen», gesteht Susanne Hochuli. Dabei haben sie etwa den gleichen Jahrgang, Rennen und Regierungsrätin. Gestern besuchte sie ein Konzert im Rahmen des Boswiler Sommers. Auf dem Programm stand «Dona nobis pacem», zu Deutsch:
«Verleih uns Frieden.»

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