Montage aus einem anderem Blickwinkel

Der eine ist pensioniert und 76 Jahre alt, der andere 20 und in der Lehre. Ein gutes Team: Zusammen montierten sie in einem Waisenhaus am Victoriasee in Uganda eine alte Franke-Kantinenküche aus der Schweiz.

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Montage aus einem anderem Blickwinkel

Montage aus einem anderem Blickwinkel

Zofinger Tagblatt

Bettina Talamona

Wie es kommt, dass ein pensionierter ehemaliger Franke-Mitarbeiter aus Oftringen und ein Franke-Lehrling aus Rothrist für eine kurze Zeit zusammen einen Arbeitsplatz in Afrika hatten?

– Die Geschichte beginnt in einem Abbruchobjekt in Männedorf ZH. Dort stiess eine der gemeinnützigen Schweizer Organisation «Kids of Africa» nahestehende Person zufällig auf eine nicht mehr benötigte Kantinenküche – Chromnickelstahl-Anlagen und ein grosser Restaurationsherd. Diese Küche, so wurde rasch erkannt, könnte doch im Waisendorf der Organisation in Uganda, in dem rund 100 Kinder wohnen, durchaus gute Dienste leisten. Zumal sie sich zwar hier in einem Abbruchobjekt befand, aber insgesamt weniger als 10 Jahre in Betrieb gewesen war. Der Entscheid war rasch gefällt: Die Küche sollte nach Bwerenga am Victoriasee transportiert und dort montiert werden. Denn das Waisenhaus verfügte bis anhin nur über sehr bescheidene Küchenverhältnisse.

«Pensionierte vor!»

Weil an der Anlage der bekannte Schriftzug «Franke» zu finden war, wandte sich der Stifter und Förderer des Waisendorfs, Burkhard Varnholt, Mitglied der Geschäftsleitung und Anlagechef der Bank Sarasin & Co. Ltd., an Franke-Inhaber Michael Pieper und ersuchte um technische Unterstützung. Und er stiess in Aarburg auf offene Ohren. In der Franke-Mitarbeiterzeitschrift wurde in der Folge ein Aufruf lanciert – denn Franke hat inzwischen keinen Grossküchenbereich mehr. «Pensionierte Grossküchenspezialisten vor!» ermunterte Fritz Bangerter, Präsident der Franke-Pensioniertenvereinigung und selber einstiger «Grossküchenmensch», erfahrene ehemalige Mitarbeiter.

Keine einfache Suche

Doch so leicht ging es nicht vonstatten, und vorerst interessierte sich niemand für den Einsatz. «Der eine hielt sich für zu alt, der andere wollte nicht mehr so weit reisen, und bei wieder anderen gab es gesundheitliche Bedenken, schildert Fritz Bangerter die Reaktionen, für die er durchaus Verständnis hatte. Darüber hinaus fänden sich unter den Pensionierten gar nicht so viele Fachleute mit einschlägiger Erfahrung.

Nicht zwei Pensionierte reisten schliesslich nach Uganda, sondern ein Pensionierter (nach noch etwas Anstoss durch die Ehefrau, wie er erzählt) – und ein Lehrling, der nach der entsprechenden Anfrage des Lehrlingschefs hoch motiviert war. Der 76-jährige Willy Seiler übernahm also die Verantwortung, und ihm sollte der 20-jährige Adrian Elzer, im 4. Lehrjahr als Anlagen- und Apparatebauer, zur Seite stehen.

Und die beiden Franke-Leute ergänzten sich gut, wie sie nach ihrer Rückkehr erzählen. Natürlich hatten sie sich noch vor der Abreise kennengelernt, waren zusammengesessen und hatten diskutiert, was für die Montagearbeiten mitzunehmen war. «Wie sich später zeigte, war unser eigenes Werkzeug sehr wichtig», resümiert Willy Seiler, es sei schon das eine oder andere vorhanden gewesen – «aber ohne eigenes Gerät wäre es nicht gegangen».

Und ein zu kleiner Raum

«Wir wurden im Waisendorf sehr herzlich empfangen», blickt Adrian Elzer zurück, sie hätten aber bei der Arbeit rasch gemerkt, dass «gewisse Sachen nicht so schnell gehen und nicht so gut gemacht werden wie in der Schweiz». Eine der Überraschungen war, dass der Raum, in dem die Küche aufgebaut werden sollte, 80 Zentimeter kleiner war als erwartet und eingeplant – doch davon liessen sich die beiden Schweizer nicht beirren, sondern sie machten sich tatkräftig ans Werk. Dabei gingen ihnen bei diversen Arbeiten auch einheimische Arbeiter zur Hand.

Zwar sorgte der Zustand der Räumlichkeiten, aber insbesondere der Anschlüsse und der Elektrik durchaus dann und wann für Kopfzerbrechen – doch schliesslich stand die Küche, wie sie sollte, wobei «nach sieben Tagen heisser und beschwerlicher Arbeit, unendlich vielen ‹I will do it tomorrow› und einer gelungenen Montage» auch die beiden Schweizer «ziemlich fertig» waren, wie es in Adrian Elzers Erlebnisbericht heisst. Zu den prägenden Erfahrungen gehöre nicht zuletzt der Aufwand, der nötig werde, wenn man auch nur etwas Einfaches nicht habe, berichtet Willy Seiler: «Wenn beispielsweise nur eine kleine Schraube fehlt, braucht man sehr viel Zeit, um sie zu kriegen, muss häufig gleich in die Hauptstadt reisen und dort suchen.»

Prägende Erfahrungen

Die Küchenmontage habe es ihm ermöglicht, «einen Ort auf der Erde zu sehen, den ich sonst wohl nie besucht hätte», sagt Adrian Elzer. Angetan haben es ihm dabei speziell auch die Landschaft, Flora und Fauna. Und besonders beeindruckt hat beide Franke-Leute «das Leben dort, im Vergleich zum Leben bei uns. Was es heisst, einfach nichts zu haben, und wie die Leute mit so wenig klarkommen». Und Willy Seiler fügt an: «Die Armut ist grenzenlos, und gleichzeitig hat es Reiche, die sich alles leisten können – das macht schon betroffen.»

Oft unterhielt sich Adrian Elzer bei der Arbeit auch mit Einheimischen über das Leben in Uganda, und manches habe ihn schon «sehr nachdenklich gestimmt». Während ihres Aufenthalts wohnten die beiden im Waisendörfchen selber. Immer wieder habe er auch gern die Gelegenheit zum Spiel mit den Kindern genutzt, sagt Elzer. Und, ja, bekäme er irgendwann wieder eine solche Chance, würde er durchaus einen weiteren solchen Einsatz leisten.