Gewaltprävention
«Mobbing wird am meisten unterschätzt»

Gewaltprävention sollte in den offiziellen Lehrplan einfliessen, sagt Präventionsfachmann Thomas Richter.

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«Mobbing wird am meisten unterschätzt»

«Mobbing wird am meisten unterschätzt»

bz Basellandschaftliche Zeitung

Tobias Gfeller

Thomas Richter, Sie haben mit Ihrer Frau vor Jahren das Schweizerische Institut für Gewaltprävention (SIG) gegründet. Was war die Idee dahinter?

Thomas Richter: Es gibt etliche professionelle Präventionsanbieter. Diese sind aber meistens auf ein bestimmtes Gebiet innerhalb der Gewaltprävention spezialisiert. Wir sind nun daran, diese zu vernetzen. Es ist uns sehr wichtig, genau auf die Bedürfnisse und Rahmenbedingungen einer Schule eingehen zu können. Darum läuft jedes Projekt mit einer Schule anders ab. So gibt es sehr kurze Einsätze wie hier in Arboldswil zu spezifischen Themenbereichen bis zu sehr umfangreichen Grossprojekten. Dank unseres breiten Netzwerks an Gewaltpräventionsdienstleistern ist es uns möglich, gut auf die Bedürfnisse der Schulen eingehen zu können, in dem wir bei Bedarf auch andere Fachleute vermitteln.

Wie definieren Sie Gewalt?

Richter: Es verstehen nicht alle Menschen das Gleiche unter Gewalt. Nach unserer Definition ist alles Gewalt, was weh macht - zum Beispiel im Herzen oder am Körper. Die Gewaltgrenze ist individuell. So kann es sein, dass für eine Person ein Schimpfwort keine Gewalt ist, weil es ihr nicht weh macht, für eine andere Person jedoch schon.

Empfehlen Sie auch den Schulen mit wenig Gewalt, sich des Themas Gewaltprävention anzunehmen?

Richter: Ja. Bei der Gewaltprävention geht es vor allem auch um die Schulung der Konfliktfähigkeit. Aus unserer Sicht ist dies eine der wichtigsten Fertigkeiten überhaupt, die man einem Schüler mit auf den Weg geben kann. Dass viele Personen nicht über diese Fähigkeit verfügen, ist im Alltagsleben oft ersichtlich. Wenn wir Gewalt wie oben beschrieben definieren, gibt es keine Schule ohne Gewalt. Eine der am meisten unterschätzten Gewaltformen ist das Mobbing. Meist leiden die Opfer still vor sich hin und trauen sich nicht, die Erwachsenen um Hilfe zu bitten. Eine Schlägerei dagegen ist auffälliger und wird viel besser wahrgenommen. Die Auswirkungen beim Mobbingopfer auf das Selbstwertgefühl können verheerend sein und bis ins Erwachsenenalter ihre Spuren hinterlassen.

Lässt sich Gewalt wirkungsvoll eindämmen?

Richter: Ja. Es gibt auf der Ebene Gesamtschule viele einfache und wirkungsvolle Massnahmen, die der Gewalt den Nährboden entziehen. Mit den Schülern wird auf den Stufen Sozialkompetenz, gewaltfreie Konfliktlösung, Deeskalation und Selbstbehauptung gearbeitet. Es werden auch spezifische Gewaltformen wie Mobbing, Rassismus usw. behandelt. Wichtig ist auch das Fördern der Zivilcourage. Diese ist nicht naturgegeben und muss geübt werden. Die Schüler werden befähigt, auf die häufigsten Konflikt- und Gewaltsituationen optimal reagieren zu können.

Sexuelle Gewalt im Speziellen kam in letzter Zeit vermehrt in die Öffentlichkeit. Hat diese Form der Gewalt seit Beginn Ihrer Arbeit zugenommen?

Richter: Nein. Heute wird aber in den Schulen vermehrt hingeschaut. Auch der Druck seitens der Eltern auf die Schulen wächst sehr, dem Thema Gewaltprävention mehr Bedeutung beizumessen. Aus unserer Sicht sollte das Thema in den offiziellen Lehrplan einfliessen. Im Moment ist es für die Schulen noch fakultativ.

Hat die Gewalt an den Schulen allgemein zugenommen?

Richter: Man muss klar sehen, dass heute nur die wenigsten Fälle von Gewalt ans Tageslicht kommen. Vieles behalten die Kinder noch für sich. Es ist deshalb besonders wichtig, sensibel auf das Thema zu sein und den Kindern bewusst machen, dass es keine Schande ist, jemanden über eine Tat zu informieren.