Hans Fahrländer

Herr Läderach, was muss am Gymnasium Aargau verbessert werden?

Stefan Läderach:Dem Gymnasium Aargau geht es gut. Es sind keine spezifisch aargauischen Schwächen auszumachen. Wenn es Verbesserungspotenzial gibt, dann gilt das schweizweit. So empfiehlt eine Auswertung der neuen Matur 95 eine «Stärkung der basalen Studierkompetenzen» in Fächern wie Mathematik, Deutsch und eventuell auch Englisch.

Woher stammen diese Defizite in zentral wichtigen Fächern?

Läderach: Die Lerninhalte haben zugenommen. Denken wir an die Informatik, die gab es früher gar nicht. Oder an die Maturarbeit – sie bedeutet eine grosse zeitliche Beanspruchung. Dann bleibt halt etwas weniger Zeit für die übrigen Fächer. Aber die Studierenden sind nicht schlechter als früher. Im Mündlichen, bei Präsentationen, sind sie klar besser. Gewisse Defizite bestehen noch beim selbstständigen Lernen. Auch hier wird heute mehr verlangt als früher.

Gibt es dafür ausgesprochene Stärken des Gymnasiums Aargau?

Läderach: Ja. Unser Modell mit zwei Jahren Grund- und zwei Jahren Aufbaustudium hat für andere Kantone Vorbildcharakter. Es hat sich bewährt, dass die Studierenden ihr Schwerpunktfach erst relativ spät wählen.

Apropos «Gymnasium Aargau»: Sind Sie Anhänger eines einheitlichen Schultyps oder bevorzugen Sie spezifische Profile der einzelnen Schulen?

Läderach: Ich befürworte klar das einheitliche Schulmodell. Die Maturitätsreform von 1995 hat die Typen abgeschafft und eine grösstmögliche Wahlfreiheit der Studierenden postuliert. Dieses Ziel kann man nur verwirklichen, wenn möglichst vieles an allen Schulen angeboten wird.

Aber zum Beispiel das naturwissenschaftlich-mathematische Zusatzangebot an Ihrer Schule, das ist doch eine gute Sache.

Läderach: Teilautonomie im Bereich von Zusatzangeboten ist sicher sinnvoll – und natürlich auch Differenzierungen im Bereich der Schulkultur.

Sind Sie ein Anhänger der Schulhausmatur und der einheitlichen Leistungsstandards?

Läderach: Was ich befürworte: mehr Absprachen innerhalb der Fachschaften, auch und gerade über die Qualität von Prüfungen. Was ich nicht befürworte: knallharte, sozusagen mathematisch auswertbare Standards. Sie führen zu falschen Anreizen. Man prüft dann, was gut und einfach prüfbar ist und der Unterricht wird sich
daran ausrichten. Die eigentlich gymnasialen Inhalte können sich dabei leicht verflüchtigen.

Was halten Sie von der gymnasialen Maturitätsquote im Aargau von rund 14%?

Läderach: Eine interkantonale Annäherung halte ich persönlich für sinnvoll, eine leichte Anhebung im Aargau angesichts des Akademikermangels ebenfalls. Unsere Jugendlichen sind ja nicht weniger intelligent als in anderen Kantonen. Die Gründe liegen also anderswo. Da gibt es nur Vermutungen. Bei der Beratung in der Volksschule? Bei der Struktur unseres KMU-Kantons mit vielen guten Lehrstellen? Eine leichte Anhebung hat die Einführung des «Fricktaler Modells» gebracht: Die Jugendlichen können ein halbes Jahr vor Volksschulende provisorisch aufgenommen werden. Ob dieser Anstieg nachhaltig ist, wissen wir noch nicht.

Was halten Sie vom Freizügigkeitsabkommen innerhalb der Nordwestschweiz, dass Jugendliche das Gymnasium ihrer Wahl aussuchen können?

Läderach: Nicht sehr viel. Kantonswechsel sind Lösungen für Randgebiete; aus dem unteren Fricktal geht man ans Gymi Muttenz, das ist sinnvoll. Aber ein genereller interkantonaler Schulwettbewerb ist problematisch. Er könnte zu einer Wanderbewegung Richtung Schulen mit niedrigeren Hürden führen. Die Maturquote in Basel-Stadt ist bekanntlich fast doppelt so hoch wie jene im Aargau.

Sie waren jetzt sechs Jahre lang Präsident der Standesorganisation. Reden wir noch schnell von Standespolitik. Das jüngste Sonderheft Ihres Vereinsorgans ist dem Thema Arbeitsüberlastung gewidmet.

Läderach: Diese Überlastung haben wir klar dokumentiert. Sie kommt seit Jahren deutlich zum Ausdruck in schweizweiten Arbeitszeitstudien, wo die Mittelschullehrpersonen regelmässig an der Spitze liegen.

Woher stammt die Überlast? In der Volksschule heisst es: schwierige Kinder, Administrativkram...

Läderach: Das steht bei uns nicht im Zentrum. Doch das Unterrichten ist generell anspruchsvoller geworden. Vor- und Nachbereitung sind sehr aufwändig, man muss fachlich immer auf dem neusten Stand sein und kann nicht über Jahre den gleichen Kurs anbieten. Die Belastung ist als Folge des neuen Anstellungsgesetzes weiter gestiegen.

In der Volksschule hat der Lehrerberuf ein Attraktivitätsproblem. Als Folge davon droht ein massiver Lehrermangel. An der Mittelschule auch?

Läderach: In einzelnen Fächern – Mathematik, Physik, Chemie, Wirtschaft und Recht – droht der Lehrermangel nicht mehr, er ist schon da. Es sind jene Fächer, die in direkter Konkurrenz zur Privatwirtschaft stehen. Ein generelles Problem mit der Berufsattraktivität sehe ich aber nicht.

Zum Schluss: Wie sieht Ihre persönliche Bilanz nach sechs Jahren AMV-Präsidium aus?

Läderach: Sie fällt positiv aus. Ich hatte eine gute Zeit, konnte mit vielen interessanten Leuten zusammenarbeiten. Ich habe mich für eine gute Dialogkultur und pragmatische Lösungen eingesetzt. Bereichernd waren jeweils die Arbeiten an unserem Vereinsbulletin, vor allem an den thematischen Sonderheften. Besonders gefreut hat mich, dass ich als Instrumentallehrer dieses Amt ausführen durfte. Es zeigt, dass die Musiklehrer im Aargau voll in die Mittelschulen integriert sind.

Gibt es auch einen Punkt, den Sie nicht erreicht haben?

Läderach: Ja – die Mittelschullehrer sind immer noch vom Grossen Rat ausgeschlossen. Das empfinde ich als ungerecht. Seit dem neuen Anstellungsrecht sind die Unterschiede zu den Volksschullehrern – sie sind bekanntlich zugelassen – praktisch verschwunden. Die Politik verzichtet damit auf die Mitwirkung eines hochkarätigen, aufgeschlossenen Berufsstandes, der dem Kanton viel bringen würde.