Tilmann Zuber

Herr Köhli, die Solothurner Interkonfessionelle Konferenz der Kirchen (Siko) feierte vor kurzem ihr dreissigjähriges Bestehen. Andere Kantone kennen kein solches Gremium. Wozu braucht es die Siko?

Ruedi Köhli: Die Siko ist der politische Arm der Kirchgemeinden und der Synoden. Sie bearbeitet und behandelt alle ökumenischen Angelegenheiten für die Synoden und daher auch für die Kirchgemeinden. Darüber hinaus spricht sie für die Kirchen bei der Regierung und im Kantonsrat vor.

Sie sind die Stimme der Landeskirchen?

Köhli: Ja, die Landeskirchen reden mit einer Stimme, derjenigen der Siko. Es sollte nicht so sein, dass die Katholiken jenes wollen, die Reformierten das Gegenteil und die «kleinen» Christkatholiken keine Meinung haben. Diese eine Stimme ist eine einmalige Chance, auch für den konfessionellen Frieden im Kanton. Ich bin überzeugt, dass sich die politisch Verantwortlichen dessen auch bewusst sind.

In der Siko arbeiten die Landeskirchen zusammen. Das Bistum SolothurnBasel ist jedoch nicht vertreten?

Köhli: Ja, das Bistum ist auf eigenen Wunsch nicht mehr vertreten. Wir erledigen die gemeinsamen ökumenischen Aufgaben der Landeskirchen. Die Synoden entscheiden dann über unsere Vorlagen und sprechen die Finanzen.

Wie beurteilt man in der Siko die Ökumene?

Köhli: Unterschiedlich. Dort, wo Pfarrerinnen und Pfarrer von ihrem theologischen Standpunkten her nicht miteinander reden können, haben wir Probleme in der Ökumene. Deshalb klappt die kirchliche Zusammenarbeit in gewissen Gemeinden hervorragend, in anderen nicht.

Bewegt sich die Ökumene tendenziell zurück?

Köhli: Nein, keineswegs. Gerade auf der Ebene der Synoden gibt es grosse Fortschritte. Die Nothilfe für abgewiesene Asylbewerber und die Gassenküche, die im letzten Jahr ökumenisch verankert wurde, hatten zuvor nur die Reformierten getragen. Die Katholiken möchten nun auch ihren Beitrag leisten. Diese Zusammenarbeit wäre vor einigen Jahren nicht möglich gewesen. Oder in der Gefangenenseelsorge. Das sind handfeste Fortschritte. Wenn man jedoch die Ebene der Bischofskonferenz und des Kirchenbundes anschaut, sind nach wie vor Unterschiede auszumachen.

Wie wird sich die religiöse Landschaft im Kanton Solothurn weiterentwickeln?

Köhli: Trotz einigen (Wieder-)Ein- und Übertritten werden die Kirchgemeinden weiterhin mit Austritten und sinkenden Mitgliederzahlen zu kämpfen haben. Finanziell muss man sich überlegen, ob, und welche Leistungen gekürzt oder aufgegeben werden müssen.

Wird man in Zukunft der Not gehorchend noch mehr zusammen machen?

Köhli: Davon bin ich überzeugt. Wenn das Ergebnis stimmt, ergibt sich die ökumenische Zusammenarbeit.

Wie sieht der Kontakt zu den muslimischen Gemeinschaften aus?

Köhli: Nach dem Attentat 1997 in Ägypten hat die Siko den Kontakt mit den Muslimen gesucht. Es gab einige Jahre mit regelmässigen gegenseitigen Einladungen und Besuchen in Kirchen und Moscheen. Zurzeit wird der Zusammenschluss der muslimischen Organisationen angestrebt. Aber das geht im Moment nur noch in kleinen Schritten vorwärts.

Muslime sind in der Siko nicht vertreten?

Köhli: Die Zusammenarbeit mit muslimischen Gemeinschaften geschieht vor allem auf der Ebene der Kirchgemeinden und der Landeskirche, etwa im Chor der Religionen. Ob die Muslime jemals Einsitz in der Siko haben, bezweifle ich. Das Problem ist: Die Muslime stammen aus verschiedenen Ländern und bringen unterschiedliche Kulturen und Sprachen mit. Wenn sich die muslimischen Gemeinschaften nicht finden, können sie nicht mit einer Stimme sprechen.

Wie erleben Sie die Kantonsregierung?

Köhli: Die Regierung ist in all den Jahren kompetent und seriös auf unsere Fragen und Anliegen eingetreten.

Ist der Regierungsrat kooperativ?

Köhli: Ja, seit Anfang der 90er-Jahre sind wir jährlich einmal beim Regierungsrat eingeladen. Die Zusammenkunft ist für beide Teile wertvoll. Früher war unser Ansprechpartner der Kultusdirektor, heute sind es die Regierungsräte Klaus Fischer und Esther Gassler.

Wo bestehen die Schnittstellen zwischen Kanton und Kirche?

Köhli: Ich denke da an die Ausbildung im Bereich Unterricht an der Pädagogischen Fachhochschule, an die Spital- und Gefängnisseelsorge, den Verein für Ehe- und Lebensfragen oder ans Kinderheim Bachtelen. Dann natürlich all die Vereinbarungen und Gesetze, die Kirche und Religion im Kanton betreffen. Vor zwei Jahren liess die Siko eine Studie erstellen, die zeigt, wie wichtig die Leistungen der Kirchen für die Öffentlichkeit sind. Mit den unzähligen freiwilligen und ehrenamtlichen Helfern leisten die Kirchen einiges mehr, als es die Studie im Detail aufzeigen konnte.

Ist das den Politikern bewusst?

Köhli: Der Regierung ja, dem Kantonsrat in einem gewissen Masse. Im Volk hingegen ist viel zu wenig bekannt, was die Kirchen alles leisten.

Die reformierte Kirche ist im Kanton Solothurn in zwei Kirchen getrennt. In die evangelisch-reformierte Kirche Kanton Solothurn, die unabhängig ist, und in einen Teil, der zur Berner Kirche gehört. Das ist schweizweit ein Unikum. Wird sich das wieder einmal ändern?

Köhli: Im Kanton Solothurn fanden 1984 und 2001 kirchliche Volksabstimmungen statt, um eine Kantonalkirche zu gründen. Beide Male sprach man sich deutlich gegen einen Zusammenschluss aus. Eine einzige Kirche wäre für die flächendeckende Arbeit im Kanton sicher ein Vorteil. Jetzt suchen die Verantwortlichen Lösungen für die Zusammenarbeit in denjenigen Bereichen, wo dies sinnvoll und machbar ist.