Maturaarbeit

Mit Gott und Ratte zum Erfolg

Perspektive: Runa Barbagelata und Tobias Thaler vor dem Hauptgebäude der ETH Zürich.

Maturaaarbeit

Perspektive: Runa Barbagelata und Tobias Thaler vor dem Hauptgebäude der ETH Zürich.

Eine sezierte Ratte und eine Studie über junge Menschen und Gott: zwei Maturaarbeiten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Doch sie bescherten Runa Barbagelata und Tobias Thaler aus Schlieren beiden eine bemerkenswerte Auszeichnung.

Bettina Hamilton-Irvine

Hilflos, mit ihrem Inneren gegen aussen gestülpt, hängt die Ratte aufgespiesst an einer schwarzen Tafel. Die Beine sind gespreizt, die fein säuberlich gereinigten Organe und Innereien gut sichtbar. Es ist ein seltsamer Anblick. Doch was manch eine Person wohl in die Flucht treiben würde, hat Runa Barbagelata den Titel als einer der «hellsten Köpfe Zürichs» eingetragen.

Die 18-jährige Schlieremerin hat die in stundenlanger Arbeit sezierte Ratte zusammen mit einem präparierten Rattenskelett und einer rund 80 Seiten langen Dokumentation als ihre Maturitätsarbeit abgegeben. Und diese hat ihr prompt nicht nur die Höchstnote beschert, sondern auch noch eine Auszeichnung für eine der 50 herausragendsten Arbeiten eingetragen.

«Ich wollte mehr machen»

Rund 2500 Maturitätsarbeiten wurden im vergangenen Winter an Zürcher Mittelschulen verfasst. Nur gerade die besten zwei Prozent davon wurden ausgelesen und im Rahmen der Ausstellung «Die hellsten Köpfe Zürichs» an der ETH Zürich präsentiert.

In deren Eingangshalle sitzt nun Barbagelata an einem Bistrotisch und sagt: «Ich habe sicher mehr Zeit in diese Arbeit investiert als die meisten meiner Mitschüler. Aber ich wollte auch mehr machen. Ich wollte etwas produzieren, worauf ich stolz sein kann.» Mindestens 200 Stunden hätte sie in das Projekt investiert und bereits ein Jahr vor dem Abgabetermin mit ersten Recherchen begonnen. Nach einem schwierigen Start fand sie schliesslich Unterstützung am Tierspital Zürich, wo sie ein Labor benützen durfte und Ratten zur Verfügung gestellt bekam.

Interesse war ein Erbgeschenk

Angst habe sie vor Ratten keine, meint Barbagelata lachend: «Aber ich finde sie auch nicht schön.» Das Interesse sei rein wissenschaftlicher Natur, erklärt die Maturandin, die im Herbst ein Medizinstudium beginnen möchte. Sie habe sich schon immer für Anatomie interessiert und die Ratte sei eine realistische Wahl gewesen: «Ich konnte ja nicht gut einen Hund sezieren.» Das Interesse für Anatomie habe sie wohl von ihrer Mutter geerbt, sagt Barbagelata, die später möglicherweise Chirurgin werden möchte: «Sie hat mir schon früher manchmal beim Essen anhand eines Poulets erklärt, wie das Huhn aufgebaut ist», sagt sie grinsend.

«So etwas wie ein Tabuthema»

Neben Barbagelata sitzt Tobias Thaler am ETH-Bistrotisch. Er ist der zweite Preisträger der Kantonsschule Limmattal und wohnt ebenfalls in Schlieren. Doch thematisch hat er mit seiner Maturitätsarbeit eine ganz andere Richtung eingeschlagen als seine Kollegin aus der Parallelklasse. «Warum das Sprechen über Gott verstummt. Die Schwierigkeit junger Erwachsener, über Gott zu reden» heisst seine Arbeit, mit der er sich ebenfalls die Höchstnote und einen Ausstellungsplatz ergattert hat.

Oft werde er im Zusammenhang mit seinem Thema gefragt, ob er in einer Freikirche sei oder Theologie studieren wolle, sagt der 17-Jährige. Beides verneint er lachend: Er gehe nicht einmal in die Kirche oder mache sich besonders viele Gedanken über das Thema Gott. «Ich wollte einfach etwas völlig anderes machen, mich in eine Materie einarbeiten, die ich noch kaum kannte», erklärt er. Deshalb habe er Religion als Ausgangspunkt für seine Arbeit gewählt. Erst die erstaunten Reaktionen seiner Kollegen hätten ihn dann zum eigentlichen Thema geführt: «Einige konnten es fast nicht glauben, dass ich mich mit Religion befassen wollte. Es schien fast so etwas wie ein Tabuthema zu sein.»

Während ihn die Reaktionen seiner Mitschüler zuerst irritierten, drehte Thaler bald schon den Spiess um: Er entschied sich, genau die Schwierigkeit junger Menschen über Gott zu sprechen zum Gegenstand seiner Arbeit zu machen. In Gesprächen mit drei Schülerinnen und drei Schülern fand er heraus, dass über Gott zwar in seiner Altersgruppe nicht oft gesprochen wird, dass ein gewisser Glaube aber trotzdem da ist: «Die Leute sind nicht unreligiös, aber sie thematisieren ihren Glauben nicht. Sie haben zum Beispiel individuelle religiöse Rituale, wie das sich Bekreuzigen vor einem Fussballmatch.»

Die Zeit zum Nachdenken fehlt

Das Thema Gott scheine nicht per se uninteressant zu sein für junge Leute, so Thaler. Bloss: «Man hat oftmals gar keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.» Davon nimmt sich der Maturand auch selber nicht aus. Er habe sich nun so lange mit dem Thema beschäftigt, könne aber trotzdem nicht sagen, ob er an Gott glaube: «So etwas wie eine höhere Kraft gibt es sicher schon.»

Während Barbagelata gleich nach der Mittelschule ein Hochschulstudium anhängen möchte, legt Thaler erstmals ein Zwischenjahr ein. Im September geht er für drei Monate nach Kanada, dann möchte er sich noch etwas aufs Handballspielen konzentrieren. Als Studium könnte er sich Jura vorstellen: «Themen wie Ethik, Moral und Gerechtigkeit interessieren mich.»

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