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Mit der Natur zusammen arbeiten

Vor zehn Jahren, am 26. Dezember, fegte der Orkan Lothar über die Schweiz. Kantonsoberförster Jürg Frölicher zieht Bilanz, spricht über pflanzliche und tierische Einwanderer – und prophezeit Bordeaux-Wein in Solothurn.

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Wald

Wald

Solothurner Zeitung

Pascal Mülchi

Herr Froelicher, wo waren Sie am 26. Dezember 1999 als der Orkan Lothar über die Schweiz fegte?

Jürg Froelicher: Ich kann mich noch gut erinnern, ich war bei mir zu Hause in Lommiswil. Es stürmte und die Ziegel begannen zu «chlefele»; ein Zeichen für eine gefährliche Windstärke. Passiert ist aber nichts. Ich und meine Frau gingen gar noch im Wald mit den Hunden spazieren. In der 18-Uhr-Tagesschau sah ich dann einen Beitrag zu Kriegstetten, der auf die Autobahn gestürzte Bäume zeigte. Ein klares Indiz dafür, dass etwas nicht in Ordnung war.

Am nächsten Tag begann es dann noch heftig zu schneien...

Froelicher: Richtig. Erste Medienschaffende erkundigten sich bei mir, was denn los sei. Die Maschinerie begann zu laufen, man versuchte, sich ein Bild über die Auswirkungen des Orkans zu machen, und zwar in der ganzen Schweiz. Insbesondere musste die Bevölkerung sofort gewarnt und informiert werden, denn wegen der zusätzlichen Schneemassen drohten weitere Bäume umzufallen. Das Ausmass des noch nie dagewesenen Ereignisses konnte aber erst nach ein paar Tagen eingeschätzt werden.

Auch der Kanton Solothurn war stark betroffen...

Froelicher: Einen ungefähren Überblick konnten wir uns relativ schnell verschaffen. Stark betroffen war vor allem der Bezirk Dorneck und das ganze Mittelland, speziell die Bezirke Bucheggberg, Gäu und die Region Niederamt. Das Gebiet im inneren Jura wurde hingegen verschont.

Welche Sofort- und Begleitmassnahmen wurden ergriffen?

Froelicher: Die Forstbetriebe und Gemeinden begannen sofort mit der Wiederherstellung der betroffenen Verkehrsinfrastruktur. In meiner Funktion galt es, Transparenz zu schaffen. Gegenüber finanziellen Forderungen musste man Vorsicht walten lassen und in erster Linie nachhaltige Entscheide treffen. Rückblickend gelang das relativ gut. Im Kanton Solothurn konnte ein vernünftiges Massnahmepaket verabschiedet werden.

Zehn Jahre danach zieht der Kanton eine positive Bilanz. In welchem Zustand befindet sich der Solothurner Wald heute?

Froelicher: Das Schadenereignis war zwar sehr eindrücklich, stellte für mich aber nie eine Katastrophe dar. Schlussendlich war nur etwas mehr als ein Prozent der gesamten Waldfläche des Kantons Solothurn stark betroffen. Das Gesamtbild hat sich also nur unwesentlich verändert. Verändert hat sich dagegen das Bewusstsein gegenüber der Natur. Das Vertrauen in sie ist gewachsen. Wir versuchen auch nach wie vor nur lenkend einzugreifen.

Welche Lehren hat die Forstwirtschaft aus dem Jahrhundertsturm gewonnen?

Froelicher: Am meisten hat man gelernt, wie mit dem Wald bei einem solchen Ereignis umgegangen werden soll. So sollen nur da Beiträge geleistet werden, wo ein öffentliches Interesse besteht, zum Beispiel entlang von Verkehrswegen oder zur Abwehr von Naturgefahren in Schutzwäldern. Sonst sollen die Waldeigentürmer selbst entscheiden dürfen. Denn sie tragen auch die ökonomischen Konsequenzen.

Stichwort Biodiversität: Leistete «Lothar» hier Vorschub?

Froelicher: Erstmals muss man wissen, dass sich der Holzvorrat seit Ende des 19. Jahrhunderts verdoppelt bis verdreifacht hat. Man begann den Wald zu schützen. Lothar wiederum hat Kahlflächen geschaffen und so den natürlichen Zyklus der Walderneuerung angeregt. So haben Pflanzen, die mehr Sonne benötigen, wieder eine bessere Chance erhalten, wie zum Beispiel die Weidenrose, Himbeeren, Birken oder Weiden. Auf die Artenvielfalt hatte der Sturm also eine positive Auswirkung.

Dem Borkenkäfer boten die durch Lothar geschwächten Bäume, vorab Tannen, ein willkommenes Fressen. Die Sommertrockenheit 2003 leistet ihren Beitrag ebenfalls. Welches sind heute die akutesten Bedrohungen und Schädlinge für den Wald?

Froelicher: In letzter Zeit ist beispielsweise von Süddeutschland her eine Pilzart eingewandert, die der Esche zu schaffen macht. Mit der Klimaerwärmung kann davon augegangen werden, dass nicht nur neue Pflanzen sondern auch Pilze und Insekten einwandern werden. Dadurch können wiederum unbekannte Krankheiten eingeschleppt werden. Ferner können neue Pflanzen Einheimische verdrängen, weil sie konkurrenzfähiger sind oder es erst noch werden.

Ist die Klimaerwärmung insofern ein Segen oder ein Fluch für den Wald?

Froelicher: Erwehren können wir uns der Tatsache ja nicht. Ein Beispiel: eine der auffälligsten eingeschleppten Pflanzen hierzulande ist die kanadische Goldraute. Diese auszuhacken führt nicht zum gewünschten Erfolg, sie chemisch zu bekämpfen, schafft neue Probleme. Gegen die Natur ankämpfen zu wollen, ist sehr aufwändig. Oft gar aussichtslos. Es ist viel ökonomischer und vernünftiger mit der Natur zusammenzuarbeiten. Angenommen die Klimaerwärmung tritt tatsächlich im prognostizierten Ausmass von zwei bis sechs Grad bis 2100 ein, führt das nicht a priori zu einer grösseren Artenvielfalt, sondern ganz einfach zu einer anderen. Auf die Bäume bezogen würde das bedeuten, dass im Kanton Solothurn die Rottanne wahrscheinlich keine Chance mehr hätte. Hingegen kämen die neuen Bedingungen der Eiche entgegen. Und plötzlich hätten wir allenfalls beste Voraussetzungen für Weinanbau, wie im französischen Bordeaux-Gebiet. Dass wir in absehbarer Zeit im Kanton Solothurn aber keine Wälder mehr haben, kann bei diesen Annahmen ausgeschlossen werden.

Vom Waldsterben, das in den 80er Jahren für Schlagzeilen sorgte, sind wir also weit entfernt?

Froelicher: Mit dem Begriff Waldsterben muss man vorsichtig umgehen. Zu Beginn der 80er Jahre waren absterbende Wälder in Mittel- und Osteuropa ein neues und wenig bekanntes Phänomen, das nicht zuletzt wegen den Medien die Bevölkerung und Politik bewegte und beunruhigte. Man hat wohl damals etwas überreagiert, obwohl die Luftverschmutzung speziell von Kohlekraftwerken grosse Schäden verursachte. Eingeleitet wurde aber auch damals ein verstärktes Bewusstsein für Umweltprobleme. Markante Ereignisse führen oft zu einem Umdenken.

Stichwort Waldnutzung. Kann durch die Förderung von Mischwäldern der Bedarf an Nadelholz noch gedenkt werden?

Froelicher: Tatsächlich wird in der Schweiz fast ausschliesslich Nadelholz verarbeitet. Der Nadelholzanteil beträgt gemäss neusten Ergebnissen des Landesforstinventars 68 Prozent. Der Wald produziert aber nicht nur Holz, sondern erbringt auch Schutz- und verschiedene Wohlfahrtsleistungen. Aufgrund der langen Produktionszeiträume der Bäume von zirka 50 bis 250 Jahren weiss auch niemand, welche Holzprodukte dannzumal vom Markt verlangt werden. Es wäre deshalb riskant, künftig nur auf eine Baumart zu setzen. Deshalb fördern wir einen vitalen, stabilen dem Standort und dem Klima angepassten Wald. Das Risiko muss auf verschiedenste Baumarten verteilt werden.

Wie sieht der Solothurner Wald in 20 Jahren aus?

Froelicher: Wahrscheinlich nicht viel anders als heute. Wenn ich zwanzig Jahre zurückblicke, dann gibt es zwar immer kleine Veränderungen festzustellen. Doch in einer Förstergeneration ist eine totale Veränderung undenkbar. Ein anderer Wald entsteht nicht von heute auf morgen. Das ist nicht einmal Lothar gelungen.