Mit «Chäber» durch ihr Wohlen

Es kam auf den letzten Drücker heraus und bereitet allen grosse Freude: das Buch über die legendäre Wirtin Irma Koch alias «Chäber», geschrieben zu ihrem 80. Geburtstag.

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Aargauer Zeitung

Jörg Baumann

Am Dienstag war es wieder so weit: Irma Koch feierte ihren 80. Geburtstag im Kreis ihrer «lieben Mischtchaibe», wie sie ihre Gäste auch schon manchmal nennen darf. Gleichzeitig wartete «tout Wohlen» auf das längst angekündigte Buch über Wohlen und seinen «Chäber». Bereits der Ansturm auf den Vorverkauf war enorm.

Eine abgerundete Geschichte

Bezeichnend für das «Chäber»-Buch ist, dass eine Prominente, nämlich Bundesrätin Doris Leuthard, und ein Stammgast, Rolf Meyer alias «Flopsi», die beiden Vorwörter geschrieben haben. Das ist ungewöhnlich. Aber Magistratin und Stammgast trafen den richtigen Ton. Heini Stäger, zusammen mit Felix Bingesser Autor des Buches, erklärte: «Wir wollten kein Buch mit lauter Zitaten von ‹Chäber› oder mit Sprüchlein schreiben.» Vielmehr hätten die Autoren eine «abgerundete Geschichte» über die legendäre Wirtin und ihr ureigenstes Wohlen verfassen wollen. Die Fasnachtsschnitzelbänkler «D Aaschmierer» brachten es auf den Punkt: Der «Chäber» sei der Ort auf der Erde, wo sich «Grüne, Schwarze, Moralisten und Etablierte» treffen dürften.

Wie Irma Koch zum «Chäber» wurde

Doch beginnen wir dort, wo alles begann: Irma Koch wurde im Wohler Oberdorf am 27. Oktober 1929 geboren. Drei Tage vorher waren die Börsenkurse in New York ins Bodenlose gestürzt und hatten die Weltwirtschaftskrise ausgelöst. Irma Koch hat berühmte Jahrgänger: Martin Luther King, Sergio Leone, «Winnetou» Pierre Brice, Harald Juhnke - und den englischen Posträuber Ronald Biggs.

Die erfahrene Hebamme Furter brachte Irma Koch auf die Welt. Eine Geburt war im Haus von Lina und August Koch nichts Ungewöhnliches: Irma war das sechste von sieben Kindern. Als Vater August am Tag nach Irmas Geburt einem Kollegen Handorgelunterricht erteilte, winselte die frischgeborene Irma im Nebenzimmer derart eindringlich, dass der Gast besorgt fragte: «Habt ihr junge Katzen?» - «Nein wir haben gestern noch einen Chäber bekommen», sagte der Vater. So war der Zuname «Chäber» geboren. Irma Koch legte ihn nie mehr ab. Er ist ihr Markenzeichen und ein probates Werbemittel geblieben.

Auf den Spuren der jungen Irma begegnen wir dem «Chäber» in Bildern von einem Ausflug mit dem Velo- und Motoclub Woh-len 1950 aufs Stanserhorn oder 1947 bei einer Aufführung des Festspieles zur Freiämter Ausstellung. Ohne ihr Wohlen hielt es Irma Koch nie lange aus. Als sie einmal in London war, wollte sie so schnell wie möglich wieder nach Hause, ähnlich bei ihrer weitesten Reise in die Karibik.

Für kurze Zeit verweilte Irma im Restaurant Tessinerkeller in Locarno, wo sie im Buch als Serviertochter hinter dem Buffet zu sehen ist. Vorher führte sie die Wirtschaft Waldegg in Villmergen. 1964 begann ihre grosse Ära in Wohlen, im Restaurant Weber. Das Restaurant, geführt von den Herren Muntwyler, war als «Herrenbeiz» bekannt. Das änderte sich unter Irma Kochs Führung ebenso schnell wie radikal. Die einstige «Herrenbeiz» sei zum «Schmelztiegel aller sozialen Schichten» geworden, schreiben die Autoren.

200 Jahre alte Dorfbeiz

Irma Koch kam in ein Restaurant mit grosser Tradition. Um 1800 bauten Gerichts-präsident Johannes Wohler und Kirchmeier Johann Martin Wohler oberhalb des Restaurants Rössli ein Haus, mit dem immer eine Wirtschaft verbunden war. Im Hause Weber gab es vor etwa einem halben Jahrhundert noch ein Ladengeschäft, das der Fotograf Lüscher betrieb und in dem Frau Muntwyler später Damenunterwäsche - besser: Corsettwaren - verkaufte. Linkerhand ging es zum Schuhladen, wo man vor allem Bally-Schuhe kaufen konnte. Hinter dem «Chäber» hatte der Schuhmacher Steffen seine Werkstatt, auf dem Platz, wo früher die Kegelbahn stand, führte die Coiffeur-Dynastie Breitschmid das Regiment. Nicht unerwähnt darf die kleine, aber feine Gartenwirtschaft des «Chäbers» bleiben. Man erfährt im Buch aber auch, weshalb der «Chäber» zur Hochburg des Jazz wurde, obwohl man Irma Koch noch immer im Verdacht haben darf, sie ziehe einen Schlager oder einen zünftigen Ländler fast jeder «modernen» Musikstilrichtung vor. Wie auch immer: Die Jazzer wollten im «Chäber» aufspielen, und Irma Koch liess sie gern gewähren.

Chäber – Das Buch

115 Seiten lang ist das Buch von Felix Bingesser und Heini Stäger. Für 30 Franken kann es im «Chäber» oder bei der Druckerei Kasimir Meyer in Wohlen bezogen werden.

Hundert Jahre alt werden

Mit der Wirtschaft, den Tausenden von Bildchen, dem runden Tisch, dem «Altärchen» unter dem «Büneli» und dem mächtigen Stammtisch ist Irma Koch so stark verbunden, dass sie sagt, sie wolle hundert Jahre alt werden und wirten, solange sie lebe. Das von einer Persönlichkeit, die in Wohlen manches Haus und manchen Politiker verschwinden sah, manchem «arme Chaib» half und manchem, der seine Nase zu hoch in die Luft streckte, die Leviten las.

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