Missstände in der Tierhaltung gibts auch im Freiamt

Bei Qualipet sorgen Filialleiterin Dorothee Neuenschwander (links) und Tierpflegerin Janine Cina für die Tiere

Tierhaltung

Bei Qualipet sorgen Filialleiterin Dorothee Neuenschwander (links) und Tierpflegerin Janine Cina für die Tiere

Noch nie sind so viele Meldungen über vernachlässigte und misshandelte Tiere beim Aargauischen Tierschutzverein eingegangen wie im Jahr 2008 – leider auch aus dem Freiamt.

Im Jahr 2008 musste der Aargauische Tierschutzverein bei 780 Heimtieren eingreifen. Eine relativ grosse Anzahl Meldungen von Tierschutzfällen stammt auch aus dem Freiamt. Das neue Tierschutzgesetz, das seit dem 1. September 2008 in Kraft ist, bringt den Tieren einige Verbesserungen, doch ob diese bei der Heimtierhaltung umgesetzt werden, ist kaum kontrollierbar.

Während in der Nutztierhaltung mehrheitlich Kontrollen durchgeführt werden, gibt es bei den Heimtieren nichts dergleichen. «Bei Hunderttausenden von privaten Heimtierhaltern in der Schweiz wäre eine flächendeckende Kontrolle rein arbeitsmässig nicht zu schaffen», berichtet Hansuli Huber vom Schweizer Tierschutz (STS). Deshalb hat der Bund das Schwergewicht auf Information der Tierhalter gelegt und überwacht Zoogeschäfte und gewerbsmässige Heimtierzuchten.

Der Aufgabe bewusst

Im Wohler Zoofachgeschäft Qualipet gibt es neben Futter, Gehegen und sonstigem Zubehör auch lebende Tiere zu kaufen. Die jungen Meerschweinchen und Kaninchen, die bunten Vögel und farbenfrohen Fische entlocken nicht nur bei Kindern ein «Jöö, so herzig!».

Um unüberlegte Tierkäufe zu vermeiden, klären die ausgebildeten Zoofachleute und Tierpflegerinnen die Kunden entsprechend auf. «Wir informieren über die richtige Haltung des Wunschtiers, Grösse des Geheges, Mindestanzahl der Tiere, richtige Fütterung und so weiter», erzählt Dorothee Neuenschwander, Filialleiterin von Qualipet Wohlen. Entscheidet sich der Kunde für eines oder mehrere Tiere, muss er eine Kauf-Urkunde für Heimtiere unterzeichnen. «Wir haben uns auch schon geweigert, Tiere zu verkaufen, weil beispielsweise das vorgesehene Gehege, das der Kunde bereits zu Hause hatte, nicht den Vorschriften des Schweizer Tierschutzes entsprach», erinnert sich Dorothee Neuenschwander.

Auch bei Aquarium & Teich AG in Villmergen, wo der Geschäftsführer Christian Löscher seine Kundschaft über lange Zeit kennt und weiss, wer welche Aquarien und Fische besitzt, legt man grossen Wert auf Information. «Ich musste schon Kinder, die einen Fisch kaufen wollten, nach Hause schicken, denn ohne Beisein der Eltern gebe ich keine Tiere ab», so Löscher. Auch beim kürzlich eröffneten Fachgeschäft für Tierbedarf Fressnapf in Wohlen legt man grossen Wert auf Information über artgerechte Haltung und Beratung.

Züchtern beratend beistehen

Als Tierschutzberater von Kleintiere Schweiz ist Daniel Bodenmann aus Spreitenbach auch im Freiamt unterwegs. Er besucht Züchter von Kaninchen, Meerschweinchen, Vögeln und Hühnern, macht Stallschauen und hilft bei der Umsetzung der neuen Tierschutzverordnung. «Bei den Ställen kann bereits mit wenig Aufwand für die Tiere viel erreicht werden», berichtet Daniel Bodenmann.

Kleintiere Schweiz hat ein ehrgeiziges Ziel, denn bis Ende Jahr sollen sämtliche Mitglieder die Ställe ihrer Tiere so angepasst haben, wie dies das neue Tierschutzgesetz verlangt. Der Tierschutzberater kann auch von Kleintierzüchtervereinen für Vorträge oder Stallschauen engagiert oder durch private Halter für Beratungen beigezogen werden. Auf diese Weise möchte man möglichst viele Tierhalter erreichen.

Auch ein seriöser Züchter möchte wissen, wem er sein Tier überlässt und ob ihm eine artgerechte Haltung geboten wird. Der Käufer erhält viele nützliche Informationen. Wer sein Tier von einem Züchter - oder auch aus einem Tierheim - wählt, hat zudem die Möglichkeit, dieses bei mehrmaligen Besuchen kennen zu lernen, bevor er es nach Hause nimmt. «Ein grosses Problem ist der Tierhandel via Internet», warnt Marlies Widmer, Geschäftsführerin vom Aargauischen Tierschutzverein (ATs). «Es ist unseriös und geht nur ums schnelle Geld. Zudem erhält man Tiere, die oft krank und verstört sind.» Es ist ihr auch wichtig, dass man vor der Anschaffung eines Tieres langfristig denkt, denn beispielsweise eine Katze kann durchaus zwanzig Jahre alt werden.

Hinschauen und melden

Die Tierhaltung von Privatpersonen wird aufgrund von Meldungen aus der Bevölkerung kontrolliert. «Die Menschen müssen lernen, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen und Zivilcourage zu entwickeln. Im Tierschutz bedeutet dies, zum Beispiel auf den Nachbarn zuzugehen, der Tiere offensichtlich nicht korrekt behandelt - und nicht wegzuschauen», meint Hansuli Huber vom STS. Leider nützen aber bei uneinsichtigen Tierhaltern selbst die besten Informationen nichts, sodass nur noch eine Meldung an den Tierschutz weiterhelfen kann. «Wer einen Tierschutzfall meldet, bleibt anonym. Das heisst, der fehlbare Tierhalter erfährt nicht, wer ihn gemeldet hat», versichert Widmer.

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