Peli Fischer
Minus 17 Grad in der Küche

Peli Fischer wohnt seit zwei Jahren auf dem Campingplatz in Frick – auch im Winter. Wenn sie eine Pizza backen oder duschen will, muss sie ins Freie gehen. «Im Winter ist das manchmal hart», sagt sie.

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Campiert das ganze Jahr im Fricktal: Peli Fischer

Campiert das ganze Jahr im Fricktal: Peli Fischer

Nicole Emmenegger

Peli Fischer lebt am Juraweg 21 in Frick. Eine gewöhnliche Adresse, wie es sie zu Hunderttausenden in der Schweiz gibt. Ungewöhnlich ist hingegen das Heim der 39-Jährigen, das sie mit ihrem Partner seit zwei Jahren bewohnt. Keine Dreieinhalbzimmerwohnung mit Grillplatz, keine Dachwohnung mit Sonnenterrasse, kein schmuckes Einfamilienhäuschen mit Zwergen im Vorgarten - sondern ein Wohnwagen vom Typ Tabbert Baronesse 740 auf dem Campingplatz in Frick.

Auf den 18,5 Quadratmetern im Innern des Wagens drängen sich ein Wohnzimmer mit Sitzecke, ein Käfig, in dem sich zwei Minihamster durchs Heu graben, ein Schlafzimmer mit einem 1,60 Meter breiten Doppelbett und viele versteckte Kästchen und Stauräume für Kleider und andere Habseligkeiten. Im Wohnzimmer steht ein Laptop mit Internetanschluss, aber einen Fernseher sucht man vergeblich.

«Man lebt viel bewusster»

«Weniger ist mehr. Man lebt viel bewusster, wenn man kaum Drumherum hat», sagt Peli Fischer, als sie den Wohnwagen durch das kleine Vorzelt verlässt und ein paar Meter über den vom Schnee platt gedrückten Rasen zur Küche marschiert.

Die Küche befindet sich in einem 25-jährigen Bauwagen, den Peli Fischer und ihr Partner im letzten Jahr in rund 600 Arbeitsstunden eigenhändig umgebaut und renoviert haben. «Als wir ihn kauften, sah er furchtbar aus», sagt die 39-Jährige, die gerne mit Hammer und Bohrer anpackt. Jetzt strahlt der Wagen in frischem Blau, drinnen geht man über hellen Holzboden, und der Gasherd ist in eine moderne Arbeitsfläche mit Marmormuster eingebaut.

Reiner Luxus für sie, wie Peli Fischer sagt: «Im strengen Winter 2008/2009 mussten wir noch im Vorzelt kochen. Bei minus 17 Grad haben wir Teigwaren gegart.» Eine Jacke beim Kochen muss sie sich heute nur noch dann anziehen, wenn sie bei Eiseskälte einen Kuchen oder eine Pizza backen will - denn als Backofen dient ihr ein gasbetriebener Kugelgrill, der draussen vor dem Bauwagen steht.

Campingleben härtet ab

«Die Winter sind manchmal hart. Alles ist aufwändiger, alles ist gefroren. Aber das härtet ab, wir sind nie krank», sagt Peli Fischer. Am Morgen muss sie durch den Schnee gehen - die nackten Füsse nur in offene Schlappen gesteckt -, wenn sie beim Campingzentrum duschen möchte.

Wenn sie mitten in der Nacht auf die Toilette muss, benutzt sie das kleine Chemieklo im Wohnwagen. Dies, weil im Winter die Wasserzufuhr für die Toilette in ihrem Bauwagen unterbrochen ist, damit die Wasserleitungen nicht gefrieren. «Manchmal ist die Gasflasche für die Wohnwagenheizung mitten in der Nacht leer. Dann wachen wir am Morgen bei 5 Grad auf», erzählt Peli Fischer. Weil der Wohnwagen nicht wie ein Haus isoliert sei, seien die Heizkosten recht hoch. «Zusammen mit der Miete für den Stellplatz kommt es im Winter nicht viel billiger als eine kleine Wohnung.»

3000 bis 5000 Franken pro Jahr

Das bestätigt auch Annelies Mösch, die den Campingplatz Frick mit ihrem Ehemann Jörg seit vier Jahren betreibt. Pro Quadratmeter koste ein Stellplatz für Bewohner, die ihren Wohnsitz hier hätten, jährlich 30 Franken, sagt sie. Das mache je nach Platzgrösse rund 3000 bis 5000 Franken pro Jahr; dazu kämen die Nebenkosten für den Strom. «Nur zum Sparen lohnt es sich nicht, auf den Campingplatz zu ziehen. Das ist kein Luxusleben hier, man muss dazu geboren sein», sagt Annelies Mösch.

Zehn Personen wohnen derzeit in eigenen Wohnwagen längerfristig auf dem Fricker Campingplatz. Dazu kommen drei Personen, die in Mietwohnwagen leben. Die Campingplatzbewohner hausen allein oder zu zweit, alle haben eine Arbeitsstelle. Annelies Mösch ist froh, dass auch im Winter etwas los ist auf ihrem Platz: «So werden auch Einbrecher abgeschreckt», sagt sie. Arbeit machen ihr die Bewohner im Winter kaum. Nur die Toiletten und Duschen muss Annelies Mösch regelmässig reinigen. Das Campingrestaurant hat im Winter geschlossen, weil bei Schnee, Regen und Hochnebel nur selten Touristen aufkreuzen.

Eine Rockerin mit viel Herz

Rau wie das Winterwetter wirkt auch Peli Fischer auf den ersten Blick, wenn man sie auf der Treppe ihres Bauwagens sitzen sieht. Das Lederband mit Nieten am Arm, das schwarze Shirt mit Flammenmustern und die wild gestuften Haare signalisieren: «Ich bin eine Rockerin.» Sie spielt Schlagzeug, und im Sommer knattert sie mit ihrem geliebten Motorrad, das momentan in einem gemieteten Container im Industriequartier steht, über die Alpenpässe. Im Gepäck hat die Nomadin, die «nicht lange sitzen bleiben kann», auf ihren Abenteuerreisen stets ein Zelt, damit sie mit ihrem Partner irgendwo auf einem Campingplatz übernachten kann.

«Wir waren schon früher viel unterwegs, als wir in der Veranstaltungsbranche arbeiteten. Wenn wir für das KKL Luzern eine Bühne bauten, campierten wir beispielsweise in Luzern», erzählt Peli Fischer. Heute betreut die «Lebenskünstlerin», wie sie sich selber bezeichnet, als Streetworkerin randständige Menschen. Zudem gestaltet sie Kunstkarten, die sie jeweils am Fricker Markt verkauft, und packt dort an, wo Not an der Frau ist. «Ich habe auch schon Rasen verlegt hier auf dem Campingplatz und Vorbauten isoliert», sagt sie.

«Will mein Leben nicht tauschen»

Das zweite schwarze Lederband am Handgelenk von Peli Fischer weist auf ihre sanfte Seite hin: Eingraviert ist ein Fischsymbol, das sie als gläubige Christin trägt. Sie will Zeit haben für ihre Freunde und für «die wesentlichen Dinge im Leben» - das enge und günstige Wohnen auf dem Campingplatz gibt ihr diese Freiheit. «Ich spare etwas Miete und muss deshalb nicht hundert Prozent arbeiten. Zudem dauert das Putzen im Wohnwagen kurz: bloss zehn Minuten, wenn ich nur rasch die Böden sauge», sagt Peli Fischer.

In der gewonnenen Lebenszeit geniesst sie unter anderem die typische Campingatmosphäre: «Hier ist einfach mehr Leben. Man ist weniger isoliert als in einer Wohnung.» Zum Beispiel im Herbst, wenn sich beim Kürbissuppenfest spontan 50, 60 Leute versammeln, oder im Winter, wenn sich ein paar feste Bewohner des Campingplatzes einmal pro Monat zum Essen in einem der Wohnwagen treffen.

Selbst für eine Menge Geld würde Peli Fischer dieses Leben nicht tauschen wollen, auch wenn es gerade im Winter manchmal hart und voller Entbehrungen ist, wie sie betont: «Bieten Sie mir eine Million und eine schöne Wohnung - ich werde sie ablehnen und auf dem Campingplatz bleiben.»