Messerstecher von Langendorf wird der versuchten Tötung angeklagt

Ein psychisch gesunder Mensch hätte anders reagiert als der 15-jährige Bezirksschüler, der in Langendorf seinen Banknachbarn mit einem Messer schwer verletzte. Er fühlte sich gekränkt, hatte private Probleme. Nun muss er mit Gefängnis rechnen.

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Solothurner Zeitung

Patrick Furrer

Keiner konnte es sich erklären: Warum zückte der 15-jährige, serbische Bezirksschüler Ende Mai nach dem Englischunterricht ein Filetiermesser und verletzte seinen Banknachbarn und Freund damit so schwer, dass er nur mit Glück überlebte? Nicht nur ganz Langendorf war geschockt, die Schulleitung verhängte ein Sprechverbot für alle Involvierten, der Angreifer wurde weggesperrt (siehe Update).

Ein psychologisches Gutachten bringt jetzt erstmals Licht in die Angelegenheit. Wie die Jugendanwaltschaft gestern mitteilte, ist davon auszugehen, dass der Angreifer zur Tatzeit schuldfähig, aufgrund einer Persönlichkeitsstörung aber nur mittelgradig zurechnungsfähig war. Eine gestörte Wahrnehmung löste die Fehlreaktion aus.

Täter ist schuldfähig

«Er fühlte sich durch das Opfer gekränkt, obwohl objektiv gesehen kein Anlass dazu bestand», erklärt Jugendanwalt Bruno Hug. Einem psychisch gesunden Mensch wäre das nicht passiert. Dennoch sei der Jugendliche intelligent und einsichtig - und damit schuldfähig. Das psychische Problem habe mit seinem Umfeld zu tun. Gemeint ist das nahe Umfeld, nicht die Schule. Die Vormundschaftsbehörde ist im Fall momentan jedoch nicht aktiv.

Die Mutter des Angreifers ist verunsichert, wollte auf Anfrage «gar nichts» sagen. Die Medien hätten bisher nur Unwahrheiten geschrieben, weshalb ihr Anwalt beim «Blick» Beschwerde eingereicht habe.

Update

Mit einem Küchenmesser verletzte ein 15-jähriger Bezirksschüler am Mittwoch 25. März 2009 in Langendorf seinen gleichaltrigen Mitschüler schwer am Hals. Das Opfer verlor viel Blut, wurde von einer Mitschülerin erstversorgt und im Inselspital Bern behandelt. Vier Wochen später konnte es wieder zur Schule. Der geständige Angreifer wurde im Bürgerspital Solothurn behandelt und später in einer Institution untergebracht. Die beiden Langendörfer Jugendlichen waren der Jugendanwaltschaft bisher nicht bekannt. Für Lehrer, Freunde und Bekannte kam die Tat überraschend. (fup)

Freiheitsstrafe möglich

Laut Jugendanwaltschaft empfiehlt der Gutachter eine Fremdplatzierung des Täters auf unbestimmte Zeit, in einer «Institution mit integriertem psychiatrischem und psychotherapeutischem Angebot». Für Jugendanwalt Hug ist klar: «Ohne die Therapie wäre die Rückfallgefahr klar gegeben». Der Täter sei jedoch einsichtig. In den letzten Wochen war er in einer solchen Institution untergebracht.

Nun wird der Jugendliche wegen versuchter vorsätzlicher Tötung, eventuell schwerer Körperverletzung angeklagt. Er muss damit rechnen, dass ihm nebst dem Heim eine Freiheitsstrafe blüht. Das Strafmass beträgt maximal ein Jahr.

Normalität an der Schule

Gelingt es dem Täter, die angeordneten Massnahmen erfolgreich abzuschliessen und wird er nicht mehr straffällig, wird die Freiheitsstrafe anschliessend nicht mehr vollzogen. Seinen Schulabschluss soll er innerhalb der Fremdplatzierung machen.

Der Schulbetrieb in der Oberstufe konnte sich wieder zur Normalität einpendeln. Die betroffene Klasse habe nach dem Vorfall ein starkes Solidaritätsdenken entwickelt, was er sehr zu schätzen wisse, sagt Schulleiter Silvan Jäggi: Die Tat sei kein Thema mehr gewesen. «Von Schülerseite sind keine Bedürfnisse mehr für psychologische Unterstützung geäussert worden.» Auch das Opfer konnte die Schule im normalen Rahmen beenden und inzwischen aus der obligatorischen Schulzeit entlassen werden.

Mitarbeit: Astrid Bucher

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