Beat Rechsteiner

«Wir sind auf Kurs», sagt Hans-Rudolf Merz in die Kameras und schiebt ein gequältes Lächeln hinterher. Seine Worte verkünden Zuversicht, doch seine Mimik passt nicht recht zur Botschaft. Müde sieht er aus an diesem Freitagmorgen. Und abgekämpft. Eingefallen sind die Wangen, tief sitzen die Augenringe.

Es sind die Spuren einer Woche, in der eine schlechte Nachricht die nächste jagte. Auch gestern setzte sich dieser Reigen nahtlos fort: Der Bundesratsjet ist in die Schweiz zurückgekehrt - die beiden Geiseln jedoch musste die Bundesdelegation zurücklassen. Lediglich ihr Gepäck durfte mit der Staatsmaschine ausgeflogen werden. Gemäss dem Finanzdepartement bestand Libyen darauf, dass die festgehaltenen Schweizer das Land als Geschäftsleute mit einem Linienflug verlassen. In einer ersten Mitteilung hatte es dagegen noch geheissen, der Bundesratsjet müsse zurückkehren, weil er anderweitig benötigt werde.

Für Merz sind diese Neuigkeiten der Schlusspunkt einer zermürbenden Arbeitswoche, die für ihn so hoffnungsvoll begann, wie sie gestern ernüchternd zu Ende ging. Ein Protokoll:

Montag Bundeshaus, Sitzungszimmer 287, die aussenpolitische Kommission des Nationalrats hat den Bundespräsidenten aufgeboten. Die Volksvertreter wollen Antworten zum umstrittenen Vertrag mit Libyen, zu Merz' Entschuldigung, zu den Geiseln. Merz huscht an den lauernden Journalisten vorbei, reckt den rechten Arm in die Höhe und sagt: «Guten Tag.» Dabei bleibts. Für die Öffentlichkeit ist der Finanzminister nicht zu sprechen. Die vielen Fragen bleiben offen. «Informiert wird, nachdem die beiden Schweizer Libyen verlassen haben» - so lautet die offizielle Antwort auf alles. Für diese Woche ist dieser eine Satz in Stein gemeisselt.

Dienstag Bern ist nervös. Schon am Montagabend kommt das Gerücht in Umlauf, die beiden Schweizer kämen nun frei. Und jetzt überschlagen sich die Meldungen. Die Faktenlage aber bleibt dünn: Der Bundesratsjet ist ab Bern Belp abgeflogen und um 15.30 Uhr in Tripolis gelandet. Gerechnet wird mit seiner baldigen Rückkehr. Merz selbst schürt diese Hoffnung mit entsprechenden Aussagen an der Sitzung der Wirtschaftskommission. In seinem Departement heisst es zudem am Abend, der Flieger werde zwischen 21 und 22 Uhr abheben. Doch diese Angaben basieren wohl mehr auf dem Wunsch nach dem ersehnten Erfolg für den Chef statt auf verlässlichen libyschen Zusagen. Fakt ist: Der Flieger bleibt im Wüstenstaat stehen. Und damit wird die Angelegenheit für Merz immer unangenehmer. Denn noch sind seine bedeutungsschwangeren Worte vom vorangegangenen Freitag gut in Erinnerung. Für den Fall, dass die Geiselbefreiung nicht fristgerecht erfolgt, sagte er, werde er die Konsequenzen ziehen.

Mittwoch Immerhin: Die beiden Schweizer haben ihre Pässe wieder und Ausreise-Visa wurden ihnen auch ausgestellt. Ihre Rückkehr sei, so teilt das Departement Merz mit, nur noch eine Frage der Zeit. Der Bundespräsident verbreitet Optimismus. Doch längst haben seine Kritiker Überhand. Er sei «überfordert» und «ein Risiko», schallt es ihm wütend aus Zeitungsspalten entgegen.
Der Bundesrat beschliesst die Umsetzung des Vertrags mit Libyen. Über zwei Stunden wird intensiv diskutiert, doch nach den Streitereien der letzten Tage bemüht sich der Bundesrat wieder um Einigkeit.

Donnerstag Erneut eine Nacht ohne die erlösende Nachricht aus Tripolis. Der Druck auf Merz wird immens - er taucht ab. Sein Versteckspiel nimmt groteske Züge an: Die französische Wirtschaftsministerin ist zu Gast wegen des Doppelbesteuerungsabkommens. Vor die Medien treten muss sie im Finanzdepartement dann ohne den Hausherrn. Weil dieser sich vor kritischen Fragen fürchtet.

Freitag Merz hat die Sprache wieder gefunden und lässt sich von Fernsehjournalisten zwei Sätzchen zur Situation der Geiseln entlocken. Er klammert sich fest an die Zusage des libyschen Premierministers, dass die beiden Schweizer vor Ende Monat ausreisen dürfen. Es bleiben Samstag, Sonntag und Montag - für Merz Tage des Bangens. Nachdem er derart hoch gepokert hat, geht es in der Affäre Gaddafi nun nicht nur um die Zukunft der Geiseln, sondern auch um seine eigene als Bundesrat.