Louis Probst

«Ich habe diese Arbeit sehr gerne gemacht», sagt Susanne Kocher. «Ich habe sie spannend gefunden. Aber einmal geht alles zu Ende. Ich werde jetzt mehr Freiheit haben und meine Zeit anders einteilen können. Aber es ist wirklich nicht so, dass ich denke: Endlich habe ich es geschafft.» Ende dieses Monats wird Susanne Kocher ihre Tätigkeit als Richterin am Bezirksgericht Brugg beenden.

Zu diesem Amt war sie nicht zufällig gekommen. Susanne Kocher hatte sich viele Jahre in der Öffentlichkeit engagiert. Während 20 Jahren gehörte sie dem Einwohnerrat Windisch an. Und lange Zeit hatte sie sich als Präsidentin für den Hauspflegeverein, den späteren Spitexverein, eingesetzt.

«Blick auf dunklere Seiten»

«Eigentlich», sagt sie, «wollte ich damals aufhören. Aber ich habe dann doch gefunden, dass ich etwas anderes machen könnte.» Susanne Kocher stellte sich vorerst als Ersatzrichterin und, nach zwei Amtsperioden, als Richterin am Bezirksgericht Brugg zur Verfügung. Ohne zu zögern, sagt sie: «Ich würde das wieder machen. Das Richteramt hat mir viele Einblicke ins Leben ermöglicht und mich zu anderen Betrachtungsweisen geführt.»

Die Menschen und die menschlichen Schicksale – aber auch die Jurisprudenz – hätten sie schon immer interessiert, sagt Susanne Kocher zu den Gründen, die sie bewogen hatten, sich für das anspruchsvolle Richteramt zur Verfügung zu stellen. «Ich wollte aber auch einmal auf die dunkleren Seiten des Lebens blicken können.»

Und diese dunkleren Seiten, die Belastung durch die letztlich ausnahmslos tragischen Fälle, mit denen sich Richterinnen und Richter befassen müssen. Wie geht man damit um? «Ich kann gut trennen zwischen der Sach- und der Gefühlswelt», sagt Susanne Kocher. «Ich kann gut abschalten. Ich habe keine Mühe damit. In all den Jahren hat es vielleicht zwei oder drei Fälle gegeben, die mir gefühlsmässig sehr nahe gegangen sind. Der krasseste Fall war für mich die Entführung und die versuchte Ermordung eines kleinen Mädchens, das nur durch ein Wunder seinem Peiniger entkommen konnte. Ich kann nicht begreifen, wie ein Mensch so weit kommen kann, eine solche Tat zu begehen.»

Als belastend empfunden habe sie Fälle, bei denen es um eine Verwahrung geht, stellt Susanne Kocher fest. «Hier hat man als Richterin eine besonders grosse Verantwortung. Man kann sich zwar auf Gutachten stützen. Aber letztlich ist es doch der Richter, der darüber entscheidet, ob jemand verwahrt wird oder nicht. Da steht man in der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, die geschützt werden muss. Man steht aber auch in der Verantwortung gegenüber dem Angeklagten und seinen Lebensaussichten.»

Wahrheit und Wahrheit

Auf die Frage nach den Zweifeln, die sich wohl nie ganz ausräumen lassen, erklärt Susanne Kocher: «Wenn man merkt, dass jemand lügt, versucht man, von einer anderen Seite an die Wahrheit heranzukommen. Man kommt sich dabei aber oft verloren vor. Ich ärgere mich jeweils, wenn es mir nicht gelingt, den Dreh zu finden, um zur Wahrheit zu gelangen. Jeder Richter verspürt das aber wieder anders. Wenn man keine Wahrheit finden kann, bleibt nur ein Freispruch. Da studiert man nach einer Verhandlung manchmal noch lange, ob dieser Freispruch nun richtig gewesen ist oder nicht. Wenn man aber überzeugt ist, muss man seinen Weg gehen.»

Angst vor möglichen Folgen der Entscheide, die sie mitträgt, habe sie nie gehabt, stellt Susanne Kocher fest. «Wenn man nach bestem Wissen und Gewissen handelt und entscheidet und die Verantwortung für den Entscheid übernimmt, braucht man keine Angst zu haben. Zudem bin ich viel zu wenig wichtig, als dass mir etwas passieren könnte. Vielleicht bin ich aber einfach zu positiv in meinem Denken.»

Und jetzt nach dem unzähligen Stunden im Gerichtssaal und beim Studium von Akten? «Der Garten ist mein Hobby», erklärt Susanne Kocher. «Ich will aber auch die sozialen Kontakte pflegen. Ich will endlich Freunde im Ausland besuchen. Und ich habe Stösse von Familienpapieren, die ich ordnen möchte. Ich habe mich zwar auch schon gefragt, ob ich mir das wirklich antun will.»