Meine Mutter war neun Jahre alt, als der General ins Dorf kam. Er wurde von der begeisterten Bevölkerung am Bahnhof abgeholt und ins Casino geleitet. Die Musik spielte und die Kinder hatten schulfrei. Weil meine Mutter gut Gedichte aufsagen konnte, durfte sie auch an der Feier zu Ehren des Generals im Casino ein Gedicht vortragen. General Guisan habe aufmerksam zu- gehört. Und als sie mit dem Vortrag fertig war, habe der General sie auf die Stirne geküsst. Wenn sie heute diese Geschichte erzählt, wird sie immer auch wieder ein wenig das Mädchen von damals.

Als der General starb, war ich bei meinen Grosseltern in den Ferien. Die Beerdigung wurde im Fernsehen direkt übertragen. Weil meine Grosseltern noch keinen Fernsehapparat besassen, gingen sie ins Dorf ins «Central». Dort hatten sie schon einen Fernseher. Mich nahmen sie mit. So kam ich zu meiner ersten Fernseherfahrung: eine Beerdigung. Die Beiz war überfüllt. Ich starrte gebannt auf den Leichenzug, der auf dem Tablar über dem Buffet vorbeizog, fragte mich, ob die Rösser, die den Wagen zogen, wohl auch traurig seien. Ich war es nicht, ich hatte ja den Mann im Sarg nicht gekannt.

General Guisan ist vor fünfzig Jahren gestorben. Anlass für Historiker, Guisans Rolle und Leistung im Zweiten Weltkrieg neu zu interpretieren, ihn noch mehr auf den Sockel zu heben oder ihn noch ganz von diesem zu stürzen. Je nach Standpunkt.

Erstaunliches passiert im Volk: Schweizerinnen und Schweizer erzählen einander persönliche General-Guisan-Erlebnisse. Und dabei stellt man verwundert fest: Der General ist in der kollektiven Erinnerung noch immer sehr präsent.


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