«Mein Gott! Warum passiert das ausgerechnet hier?»

Kerry F., der erste Schweinegrippe-Patient der Schweiz, lebt mit seiner Familie in Baden. Seine Nachbarn sind besorgt, wie ein Besuch in seinem friedlichem Wohnquartier zeigt.

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Maja Sommerhalder

Schmucke Häuser und gepflegte Gärten an einer ruhigen Strasse: In einem idyllischem Badener Quartier lebt Kerry F. - der erste Schweinegrippepatient der Schweiz: «Wir möchten jetzt nichts mehr sagen», sagt Kerrys Vater durch das Fenster seines Reihenhauses. An die Tür geht er nicht, die meisten Rollläden sind unten.

Dafür ist sein Nachbar Florian Schibli (63) gesprächig. Er wohnt nur zwei Häuser nebenan; im gleichen Reihenhauskomplex. «Das war ein Schock. Gewöhnlich gehen einem solche Sachen nichts an.» In den Medien hat er erfahren, dass Kerry F. an Schweinegrippe erkrankt ist. «Es ist schlimm, dass uns die offiziellen Stellen nicht informiert haben. Man sollte uns Nachbarn doch sagen, wie wir uns verhalten müssen.»

Mit der Familie F. hat er nur wenig Kontakt: «Sie sind freundliche Leute, die aber zurückgezogen leben.» Hat er Angst vor der Ansteckung? Schibli zuckt mit den Schultern: «Ich kann es nicht beurteilen. Ich glaube zwar nicht, dass ich angesteckt wurde, trotzdem ist es erstaunlich, wie leicht sich die Schweinegrippe überträgt.» Dass die Testergebnisse falsch interpretiert wurden, versteht er nicht: «Bei so etwas Wichtigem sollte man doch zwei-mal hinschauen.» Ihm ist schleierhaft, warum seine Familie und seine Reisepartner nicht sofort unter Quarantäne gesetzt wurden: «Sie hätten von Anfang an zu Hause bleiben sollen. Seine Familie ging aber die ganze Woche ein und aus. Gerade heute Morgen habe ich Kerrys Vater mit dem Auto wegfahren sehen.»

«Angst um meine Kinder»

Shiva Siegen, die gegenüber von Kerry F. wohnt, bezeichnet die falsche Interpretation der Testergebnisse als eine Katastrophe: «Ich bin wütend und frage mich, wie man das nicht gemerkt hat.» Ihr Ehemann hat bereits Anzeige gegen das Kantonsspital Baden eingereicht

(s. oberen Artikel). Sie hat vor allem Angst um ihre Kinder: «Wir wissen ja nicht, mit wem er Kontakt hatte. Zudem fahren meine Kinder täglich Bus. Da könnte man sich leicht anstecken.» Wird sie jetzt ihren Alltag verändern? «Ich werde meine Kinder nicht mehr im Bus fahren lassen. Sonst kann man nicht viel machen. Aber ich vertraue darauf, dass nichts passiert», sagt sie und streichelt übers Haar ihrer fünfjährigen Tochter Roya: «Mein Gott, warum muss das ausgerechnet hier passieren?», sagt die zweifache Mutter: «Jetzt muss man damit klarkommen und schauen, dass sich die Schweinegrippe nicht verbreitet.»

«Es tut mir so Leid für ihn»

Angst um ihren fünfjährigen Sohn und um ihre achtjährige Tochter hat auch Wei Jin Voser (44). Auch sie wohnt vis-à-vis von Kerry F. «Meine Kinder spielen oft draussen auf der Strasse. Wenn dieser Virus durch die Luft übertragen wird, können sie sich doch schnell anstecken.» Sie ist nicht nur besorgt, sondern auch verärgert: «Wir sollten besser informiert werden. Wir haben keine Ahnung, was wir machen sollen. Ich bin etwas nervös.»

Eine andere Nachbarin von Kerry F. hat Tränen in den Augen, als sie von der AZ-Reporterin erfährt, dass Kerry F. doch unter Schweinegrippe leidet: «Es tut mir so leid für ihn. Es stand doch in der Zeitung, dass er gesund ist.» Sie mag Kerry und seine Familie: «Es sind sehr nette und offene Leute.» Ihr ist schleierhaft, wie Kerry für gesund erklärt werden konnte: «Ich kenne den Chefarzt Jürg Beer und weiss, dass man sich auf ihn verlassen kann.» Hat sie eine Ahnung, wie es Kerrys Familie geht? «Es sind sehr vernünftige Leute. Zudem sind die Aussichten gut, dass er bald wieder gesund wird. Sorgen mache ich mir trotzdem.»