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Mehr Schutz vor dem Hochwasser

Rettungsarbeiten: Am 3. Juni 2004 trat die Limmat über die Ufer. Im Bezirk Dietikon standen mehrere Feuerwehren im Dauereinsatz, so wie hier im Industriegebiet Dietikon.

Hochwasser Dietikon, WSL

Rettungsarbeiten: Am 3. Juni 2004 trat die Limmat über die Ufer. Im Bezirk Dietikon standen mehrere Feuerwehren im Dauereinsatz, so wie hier im Industriegebiet Dietikon.

Wenn die Tagesschau Bilder von überschwemmten Schweizer Landschaften und Dörfern verbreitet, ist auch die WSL in Birmensdorf stark am Ereignis interessiert, oft sogar involviert.

Flavio Fuoli

Christoph Hegg, 44 Jahre alt, seit 1996 an der WSL tätig, hat Geographie studiert. Der Vater zweier Kinder ist seit 1. Januar 2008 Stellvertretender Direktor des Instituts. Schon immer hat er sich im Forschungsmanagement betätigt, bereits zu Studienzeiten. Bei seiner Dissertation, in der er sich intensiv mit den Daten von Regenabfluss-Messstationen befasste, hatte er 25 bis 30 Diplomanden und Praktikanten angeleitet. «Ich war für die gesamte Fragestellung damals Projektkoordinator. Das passt irgend-wie zu meinem früheren Pfadiführer-Naturell.»

Dabei hat er sich der Geomorphologie verschrieben, der Lehre von den Formen der Erdoberfläche. Heute leitet er folgerichtig die Hochwasserforschung an der WSL.

Wie fliesst Wasser ab?

Die WSL betreibt unter anderem Grundlagenforschung, auch zu Hochwasserthemen. Man stellt sich die Frage, etwas plakativ ausgedrückt: Wie kommt das Wasser vom Hang in den Bach? «Der kleinste Teil fliesst direkt in den Bach, der grösste fliesst im Boden durch den Hang und dann in ein Gewässer; ein Teil versickert ins Grundwasser», erklärt Hegg die Aufgabenstellung für die Forschung. Wenn der Bach kein raues Gerinne habe, habe man die Hydraulik im Griff. Beim Wildbach werde es schon komplizierter.

Die Schwierigkeit der Vorhersage bestehe darin, wie das Wasser ins Gerinne komme. Dies könne man noch nicht gut kontrollieren, man verfüge nur über wenige Erkundungsmethoden, um dem nachzugehen. Sonden könnten nur punktuelle Messungen liefern. Ohne die Erde aufzugraben habe man Mühe, herauszufinden, was zwischen den Messpunkten ablaufe.

Forschung in Ostdeutschland

Ein Team der WSL forscht derzeit auch im Rahmen eines Grossprojekts in Ostdeutschland, in einem ehemaligen Braunkohle-Tagbaurevier. Dort, auf künstlich gestalteten, kahlen Böden, will man die Entstehung des Wasserflusses analysieren. Die Fragen, die man sich stellt: Wo entstehen die ersten Rinnsale, wo sammelt sich die Feuchtigkeit, wo läuft Wasser ab? Dieser Ort ist von Menschen geschaffen und deshalb viel homogener. Es ist also einfacher, hier Forschung zu betreiben als an einem Ort in der Schweiz, der seit 10 000 Jahren von Lebewesen besiedelt war. Eine solche Forschung wäre bei uns nur im Labor möglich, meint Hegg. Die zum Einsatz kommenden Messgeräte werden in Birmensdorf gemeinsam mit der ETH Zürich entwickelt.

Notwendige Ereignisanalyse

Ein grosses Gewicht in der Tätigkeit von Christoph Hegg und seinem Team hat die detaillierte Analyse ausserordentlicher Naturereignisse. Besonders «ergiebig» für die Forscher war das Jahr 1999 mit dem Lawinenwinter, dem Hochwasser und dem Lothar-Sturm. Aus diesen drei Ereignissen habe man viel gelernt, sodass zukünftige Ereignisse noch besser als bisher bewältigt werden können.

Bei den beiden Niederschlagsereignissen an Auffahrt und Pfingsten 1999 fragten sich die Forscher unter anderem, welche Rolle dabei die Schneeschmelze spielte und wieso es zu so vielen tiefgründigen Rutschungen kam.

Überrascht zeigt sich Hegg vom Thunersee. Niemand hatte dort in dem Jahr ein derartiges Hochwasser erwartet. Fast 300 Jahre lang war dort nichts Derartiges passiert. Man fand heraus, dass es schon früher ein paar Mal fast so weit gekommen wäre. Damit es zu einem verheerenden Frühlingshochwasser kommt, braucht es gleichzeitig eine lang anhaltende Schneeschmelze und starke Niederschläge bei warmen Temperaturen bis in höchste Lagen. Wenn diese Konstellation nicht eintrifft, passiert nichts derart Gravierendes. «Es kann beispielsweise eine Kälteperiode dazwischenkommen oder statt lang andauernden Regen gibt es nur kurze Gewitter.»

Der Thunersee, das fanden die Forscher ebenfalls heraus, ist von seinem Verhältnis zwischen Rückhaltevolumen und dem grossen Einzugsgebiet her viel gefährdeter als zum Beispiel der Vierwaldstättersee. Deshalb können aussergewöhnlich starke Niederschläge wie zum Beispiel im August 2005, diesen See ebenfalls rasch zum Überlaufen bringen.

Bauliche Massnahmen helfen

Der Kanton Wallis wurde 1993 und 2000 kurz nacheinander zweimal von grossen Hochwasserereignissen heimgesucht. Die von den Forschern nach 1993 empfohlenen Massnahmen zeigten schon 2000 ihre Wirkung. So wurde Brig 1993 von der Saltina regelrecht abgefüllt. Mit der neuen Hubbrücke und einem neuen grossen Geschieberückhalteraum jedoch liessen sich im Jahr 2000 die grossen Schäden vermeiden. Ähnliche Massnahmen in Nachbarorten zeigten die gleiche Wirkung. Auch eine geringe Erhöhung des Damms bei der Lonzafabrik half mit, dass dieser Industriekomplex nicht geflutet wurde. «Dank der Lehren aus den Überschwemmungen 1993, die zu verschiedenen Vorsorgemassnahmen führten, gab es im Jahr 2000 im Wallis viel weniger Schäden als man ohne diese Massnahmen erwartet hätte», sagt Hegg über die Empfehlungen der Fachleute. Im Jahr 2002 hat die WSL gemeinsam mit der Deza (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) sogar die Idee der Ereignisanalyse exportiert. Dies passierte nach dem Elbe-Hochwasser in Deutschland. «Wir leiteten die Leute dort an, sich selber die kritischen Fragen zu stellen, ob sie richtig vorbereitet waren», erklärt Hegg.

Die anfängliche Skepsis gegenüber der Schweizer Methode wich schliesslich, aufgrund der umfassenden und konstruktiven Detailarbeit, der Anerkennung und der Umsetzung unter den dortigen Verhältnissen.

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