Jugendgewalt
Mehr Respekt für Junge, Mann!

Wer kennt die Situation nicht: dunkle Bahnhofunterführung, Jugendliche, die provozierend an der Wand lehnen. «Ruhig bleiben», raten Ermal und Simon an der Veranstaltung zu Jugendgewalt von «Info 60 plus» in Muri.

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Ermal, Reshat und Simon

Ermal, Reshat und Simon

Aargauer Zeitung

Eddy Schambron

Ignorieren, aus dem Weg gehen, sich nicht provozieren lassen. Das empfiehlt Ermal, 23, Getränkelieferant, wenn Jugendliche am Bahnhof herumlungern, Passanten den Durchgang erschweren und Sprüche klopfen. Er, der die Gewaltszene aus eigenem Erleben kennt, versteht, dass die geschilderte Situation in der Bahnhofunterführung bedrohlich wirkt. «Jugendliche, die das tun, erwarten eine Reaktion. Wenn sie ausbleibt, trägt das zur Beruhigung der Situation bei.»

Nur: Eben hat der leitende Arzt für forensische Psychiatrie an der Klinik Königsfelden, der Beinwiler Josef Sachs, in seinem Vortrag erklärt, dass es eine klare Haltung und Mut zu reagieren braucht, damit Gewalt eingedämmt wird. «Wenn sich jemand am Verhalten von Jugendlichen stört, soll er sich nicht mit einem Vorwurf an sie wenden», sagt Ermal. «Besser fragt man sie einfach, warum sie sich so verhalten.» Während der Vorwurf Spannung aufbaut, könne die Frage zur Entspannung beitragen. Und er fordert mehr Respekt für die Jugendlichen: «Wir Jungen erwarten, dass wir genauso respektvoll behandelt werden, wie es von uns erwartet wird.»

Polizei ohne Wirkung?

Situation zwei: Jugendliche hängen beim Bahnhof herum, die Polizei fährt vor und kontrolliert Ausweise. Zeigt das Wirkung? «Überhaupt nicht», behauptet Simon, 20, Lagerist, ebenfalls schon in der Gewaltszene involviert gewesen. «Wenn die Polizei auftaucht, wird die Situation sofort angespannt, Alkohol und Drogen müssen versteckt werden. Kaum ist die Polizei abgezogen, ist alles wie vorher, nur wesentlicher aggressiver.»

Was erwartet Simon denn von der Polizei? «Ich habe nichts gegen Kontrollen. Aber ich erwarte, dass uns Polizisten freundlich ansprechen und uns für voll nehmen.» Das sei überhaupt nicht selbstverständlich: «Oft herrscht ein herrischer, respektloser Ton uns gegenüber vor.»

Die Sprache verstehen

«Ich habe noch nie dreingeschlagen», sagt Reshat, 24 Jahre junger Elektriker. Aber er kennt die Szene auch, ist aufgewachsen mit Eltern, die wenig Zeit für die Kinder hatten oder haben konnten. «Meine Eltern konnten kein Deutsch, das habe ich mir selber beigebracht.» Eltern müssten ihre Erziehungsaufgabe ernst nehmen, führt er aus. Und es brauche mehr Streetworker. «Das müssen nicht Studierte sein», betont er. «Das müssen Leute sein, die unsere Sprache verstehen.»