tier
Mehr Professionalität in Pflege und Haltung

Der Kantonstierarzt Reto Wyss beurteilt erste Erfahrungen mit der neuen Tierschutzverordnung positiv Die am 1. September 2008 in Kraft gesetzte neue Tierschutzverordnung muss sich heute in der Praxis bewähren. Eine erste Bilanz zeigt ein mehrheitlich erfreuliches Bild.

Drucken
tier

tier

Solothurner Zeitung

Toni Rütti

Erste Erfahrungen mit der neuen Tierschutzverordnung zeigen, dass die Mehrheit der Tierhalter offene Ohren hat für die Erkenntnisse und Informationen, die ihnen heute zugänglich gemacht werden. Festgestellt haben dies der Kantonstierarzt Reto Wyss und Benjamin Hofstetter, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Veterinärdienstes des Kantons Bern. Viele Tierliebhaber seien bestrebt, den Liebling artgerecht zu halten, statt ihm beispielsweise durch falsch verstandene Tierliebe zu schaden.

Profis am Werk

Werden Tiere gewerbsmässig gezüchtet, gehalten und betreut, sorgen neu gelernte Tierpflegende mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnissen für ihr Wohl. Im Hundesalon etwa sind nunmehr Diplom-Hundecoiffeusen und -coiffeure anzutreffen. Sie haben eine ergänzende Ausbildung mit SVBT-Fachprüfung (Schweizerischer Verband für die Berufsbildung in Tierpflege) absolviert. Kurz, die Professionalität in der Tierpflege und -haltung ist vorab der neuen Tierschutzverordnung zu verdanken. Mussten die Behörden früher vielfach auf allgemeine Gesetzesartikel zurückgreifen, um eine tiergerechte Haltung zu gewährleisten, stützen sie sich neu auf eine detailreiche Verordnung. Bei Verstössen kann neu meistens auf spezifische Vorschriften verwiesen werden.

Defizite bei der Umsetzung

Ein Novum in der Tierhaltung ist der so genannte Sachkundenachweis, den auch Privatpersonen zu erbringen haben, die sich beispielsweise ein Wildtier zulegen. Und private Hundehalter müssen einen Kurs belegen. Dass die Umsetzung aller neuen Bestimmungen noch nicht in jeder Hinsicht 100-prozentig klappt, ist für Wyss nicht weiter erstaunlich. «Gerade bei der Ausbildung von privaten Hundehaltern ist es nachvollziehbar, dass es noch Lücken gibt. In einer ersten Phase ging es darum, die Ausbildungsstätten zu errichten», so Wyss. Im Besuch eines Hundehalterkurses sieht er auch einen Sicherheitsaspekt zum Schutz der Bevölkerung.

Spätere Anpassungen

Bei der Frage nach der Umsetzung der neuen Vorschriften verweist der Kantonstierarzt auf die Übergangsfristen von bis zu fünf Jahren. Laut Benjamin Hofstetter gibt es im Ausbildungsbereich noch Angebotsdefizite.

«Grundsätzlich sind wir davon überzeugt, dass die neue Verordnung mit ihren Säulen - Ausbildung und Information der Tierhalter sowie Kontrolle inklusive allfällige Massnahmen und Sanktionen - in die richtige Richtung weist. Auch sind wir zuversichtlich, dass sich die Widerstände gegen einzelne Vorschriften noch abbauen lassen», so Wyss.

Er erinnert daran, dass «auch das alte Tierschutzgesetz auf teilweise grossen Widerstand stiess, sich dann aber im Laufe der Zeit als probates und generell akzeptiertes Instrument herausstellte». Auch in der heutigen Tierschutzverordnung gebe es Punkte, die allenfalls noch angepasst werden müssten, sobald ausreichend Erkenntnisse und Erfahrungswerte vorliegen würden.

«Tiere sind keine Sache»

Hofstetter: «Die Tierhalter durchlaufen derzeit selber einen Lernprozess. Wir sind gar nicht davon ausgegangen, dass sämtliche neuen Vorschriften von einem Tag auf den anderen akzeptiert werden. Tiere sind keine Sache, sondern Lebewesen.» Ein Schwerpunkt der neuen Tierschutzgesetzgebung ist der qualitative Tierschutz. Darunter fallen unter anderem Fragen, die mit dem Sozialverhalten der Tiere zusammenhängen. Dass diesem Aspekt mit Erfolg grössere Bedeutung beigemessen wird als zuvor, ist laut Hofstetter sehr begrüssenswert.

Zu Haustieren mutiert

Als relativ unproblematisch hat sich die gewerbsmässige Haltung von einheimischem Wild wie Dammwild oder Rotwild erwiesen. Lamas und Alpakas, die beispielsweise gemäss alter Gesetzgebung noch Wildtiere waren, gelten jetzt als Haustiere. Ihre Mutation im Gesetz hat sich dem Vernehmen nach als Erfolg herausgestellt. Sie dürfen heute ohne Spezialbewilligung gehalten werden.

Aktuelle Nachrichten