China

Mega-Explosion: Ursachen sind unklar – Behörden zensurieren Netz-Beiträge

Die beiden Explosionen in der chinesischen Hafenstadt Tianjin hinterliessen Bilder der Verwüstung. Ng Han Guan/Keystone

Die beiden Explosionen in der chinesischen Hafenstadt Tianjin hinterliessen Bilder der Verwüstung. Ng Han Guan/Keystone

Die Ursachen der gewaltigen Explosion in Tianjin sind weiter unklar – die Behörden reagieren mit Zensur

Zhang Wei dachte zunächst an ein Erdbeben. Denn der Boden seiner Wohnung im 23. Stock vibrierte. «Das wäre aber nicht so laut gewesen», schildert der 28-Jährige am Morgen danach. Im nächsten Moment hörte er erneut einen weiteren, noch lauteren Knall. Er blickte aus dem Fenster und sah einen rot erleuchteten Himmel und in der Ferne einen gigantischen Feuerball über den Hafen von Tianjin stehen. Seine Wohnung ist rund 15 Kilometer von der Hafenanlage entfernt.

Zwei heftige Detonationen haben in der Nacht zum Donnerstag die ostchinesische Hafenstadt Tianjin erschüttert und mindestens 50 Menschen getötet. Nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua ist gegen 23.30 Uhr in einem Lagerhaus zunächst ein Schifffahrtscontainer explodiert. Nur kurze Zeit später kommt es zur zweiten Explosion. Die Erschütterungen waren in sämtlichen Teilen der 15-Millionen-Metropole zu spüren. Die erste Explosion soll die Kraft von drei Tonnen TNT gehabt haben, die zweite entsprach 21 Tonnen des Sprengstoffs. 

Dichte Rauchschwaden hüllen auch am nächsten Tag die Hafenstadt ein. Selbst im rund 150 Kilometer entfernten Peking riecht es verbrannt. Vom Unglücksort und der unmittelbaren Umgebung kursieren im chinesischen Internet zahlreiche Bilder der Verwüstung. Die Lagerhalle, in der offiziell «Gefahrengut» lagerte, ist komplett abgebrannt.

Auf einem nahe gelegenen Parkplatz stehen Hunderte verkohlte Lieferfahrzeuge. Wohncontainer, in denen Hafenarbeiter ihre behelfsmässigen Unterkünfte hatten, liegen umgekippt wie Bauklötze verteilt. In einem Radius von mindestens zwei Kilometern sind in den Wohnanlagen aufgrund der Druckwelle sämtliche Fensterscheiben geborsten. 

In zahlreichen Krankenhäusern in Tianjin spielen sich am nächsten Tag dramatische Szenen ab. Von Glassplittern verletzte Patienten werden nicht behandelt, weil Ärzte und Pfleger völlig überfordert sind. Ein Journalist des US-Nachrichtensenders CNN wird bei laufender Kamera vor einem Krankenhaus wahrscheinlich von Sicherheitskräften verscheucht. Die chinesischen Medien dürfen nur berichten, was die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua vorgibt. Und trotzdem: Nur wenige Minuten nach den Explosionen waren die sozialen Netzwerke voll von Bildern und Videoaufnahmen vom Unglück. Auf dem in China weit verbreiteten Kurznachrichtenportal «Weibo» beschwerten sich Nutzer, dass Einträge und Fotos vom Geschehen im Netz gelöscht wurden.

Noch ist die genaue Ursache der Explosionen unbekannt. Die Beamten der Stadtverwaltung sind noch vollauf damit beschäftigt, die Zahl der Toten und Verletzten zu ermitteln. Offiziell ist bislang von 50 Toten die Rede und mindestens 700 Verletzten, 71 davon «in kritischem Zustand». Diese Zahlen werden stündlich nach oben korrigiert.

Vermutet wird, dass in einer Halle Calciumcarbid lagerte, das in Verbindung mit Wasser leicht explodieren kann. Dass gleich zu Beginn des Unglücks so viele Feuerwehrmänner ums Leben kamen, soll unbestätigten Angaben damit zu tun haben, dass sie gar nicht wussten, welch gefährliches Gemisch in der Halle lagerte.

In China kommt es in Industrieanlagen häufig zu schweren Unfällen, weil Sicherheitsbestimmungen nicht eingehalten werden und Personal unzureichend geschult ist. Der chinesische Staatschef Xi Jinping forderte harte Strafen für die Verantwortlichen der Explosionen und versprach umfassende Ermittlungen. Die Lagerhalle, in der sich die erste Detonation ereignete, gehört der Firma Ruihai Logistics. Ihre Manager sind festgenommen und werden derzeit verhört.

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