Dietikon
«Man macht sich keine Vorstellung der Tragödie»

In Dietikon richtet sich ein neuer Kurs an Ausländerinnen und Ausländer, die gar nicht oder nur schlecht Deutsch lesen und schreiben können.

Drucken
Teilen
Alphabetisierungskurs

Alphabetisierungskurs

Limmattaler Zeitung

Von Jürg Krebs

«Man macht sich keine Vorstellung davon, was das für eine Tragödie ist», sagt Rosa-Maria Rizzo. Die Schul- und Geschäftsleiterin der Firma Machbar spricht von Leuten, die weder richtig lesen noch schreiben können. Diesen so genannten Analphabeten oder Illetristen kann geholfen werden. Als Letzteres werden Menschen bezeichnet, die trotz Schulbesuch Mühe haben mit dem Schreiben und damit, das Gelesene zu verstehen.

Die Tragik, von der Rizzo spricht: «Ohne die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, ist man in der Schweiz weitgehend vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.»

Die Schweiz, Europa überhaupt, stützt ihre Kultur sehr stark auf die Schriftlichkeit ab. Diese dient beispielsweise der Überlieferung der Vergangenheit an nachkommende Generationen; sie ist Hüterin des Wissens; sie dient der Orientierung auf Anschlagtafeln, Flyern und Richtungsweisern. Das geschriebene Wort ist somit dem gesprochenen mindestens ebenbürtig, es besitzt eine ausgesprochen hohe Glaubwürdigkeit.

Besonders fatal wirkt sich der Mangel an Lese- und Schreibkompetenzen bei Ausländerinnen und Ausländern und deren Integration aus, weil ihnen so der Zugang zur hiesigen Kultur versperrt ist. Die Antenne Limmattal, die noch bis Ende Jahr geführte regionale Integrationsfachstelle mit Sitz in Dietikon, organisiert deshalb Alphabetisierungskurse in Deutsch.

Der erste Kurs startet nach den Herbstferien, und zwar am 19. Oktober. Laut Antennenmitarbeiterin Sybille Tebaldi sind bislang sechs Anmeldungen eingegangen. Der Kurs ist somit zustande gekommen und wird von der Schule Machbar durchgeführt. Das Ziel nach 80 Lektionen à zwei Stunden: Die Lernenden sollen in einem halben Jahr das Laut- und Zeichensystem des deutschen Alphabets beherrschen und zusammenhängende Wörter erkennen können.

Nicht immer könnten Betroffene überhaupt nicht lesen und schreiben, so Tebaldi. Es kann sich auch um Leute aus China oder Indien handeln, die ein anderes Alphabet gelernt haben und sich mit dem deutschen nicht zurechtfinden.

Der Kurs findet im Rahmen von Kleinklassen mit sechs bis zehn Personen statt. Als Lernort ist die Freizeitanlage Chrüzacher vorgesehen. Organisiert wird für Eltern ein Kinderhütedienst. «Es ist wichtig, dass es so einen Kurs in Dietikon gibt», sagt Tebaldi mit Blick auf den hohen Ausländeranteil.

Analphabetismus oder Illetrismus ist kein Problem der Nationalität. Massgebend ist auch nicht, ob eine betroffene Person eine Schule besucht, wie das Beispiel des Mister Schweiz zeigt. Eine Studie zeigt auf, dass hierzulande 780 000 Personen, darunter 415 000 Ausländerinnen und Ausländer, gar nicht oder nur ungenügend lesen und schreiben können. Bei Ausländern können mangelnde Sprachkompetenzen das Problem verstärken.

«800 000 Analphabeten und Illetristen, das sind sehr viele Menschen», sagt Rizzo, «doch wo stecken die alle?» Die Frage ist rhetorischer Natur. Analphabetismus ist ein Tabu. «Betroffene mogeln sich durch, nicht selten aber landen sie irgendwann bei der Sozialhilfe.»

Das ist nicht überraschend, denn es wird in der Arbeitswelt zusehends schwieriger, sich mit diesem Manko durchzuwursteln, sagt Rizzo: «Einfachste Jobs gibt es in der Schweiz nicht mehr.»

«Jede Putzfrau muss eine Tabelle lesen können und dort den eigenen Namen als Bestätigung dafür eintragen, dass der Raum gereinigt wurde», sagt Rizzo. Ein Anderes Beispiel sind Ticketautomaten. Der Touchscreen vereinfacht Abläufe, aber als Voraussetzung gilt: Ein Nutzer muss lesen können, wo er den Bildschirm berühren muss. Und dann muss er das Gelesene auch noch verstehen.

Analphabetismus ist ein persönliches Problem, mit gesellschaftlichen Auswirkungen. Menschen, die aufgrund mangelnder Grundkompetenzen - dazu zählen in der Schweiz das Lesen und das Schreiben - nicht in der Lage sind, für ihren eigenen Selbsterhalt zu sorgen, verursachen der Gemeinschaft hohe volkswirtschaftliche Kosten. Gemäss einer Studie des Büro Bass kostet das Fehlen von Lesekompetenzen die Arbeitslosenversicherung jährlich eine Milliarde Franken.

Sybille Tebaldi hofft, dass dem ersten Kurs in Dietikon weitere folgen werden. Dabei zählt die Integrationsfachfrau auf positive Mundpropaganda seitens von Institutionen, Ärzten, Angehörigen und Bekannten sowie Teilnehmenden - denn auch hier zeigt sich die Tragik: Analphabeten können die Einladung zum Kurs nicht lesen.