Aarau
«Man könnte hier etwas Cooles bauen»

Der Fotograf Donovan Wyrsch ist einer der letzten verbliebenen Werktätigen in der Aarauer Industriebrache Torfeld Süd vor dem grossen Umbau. Ein Augenschein.

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Donovan Wyrsch

Donovan Wyrsch

Aargauer Zeitung

Thomas Röthlin
Torfeld Süd gleicht einer Geisterstadt. Die meiste Industrie auf dem einst blühenden Werkplatz an der Südeinfahrt nach Aarau ist längst eingegangen oder weggezogen. Doch auch die so genannten Zwischennutzer, dankbare Abnehmer von günstigem Raum ohne viel Komfort, sind auf dem Rückzug. Der Nährboden der Kreativwirtschaft verödet angesichts des bevorstehenden Umbaus der Brache in ein modernes, durchmischtes Stadtquartier.
Im dritten Geschoss des fünfstöckigen Bürogebäudes an der Industriestrasse 44 brennt noch Licht. Hier arbeitet der freischaffende Fotograf Donovan Wyrsch (35). Von seinem Fenster aus sieht man die Profilstangen, die für das Aussenmass des geplanten Fussballstadions mit Einkaufszentrum stehen. Und für das Schicksal des 1943 erstellten Gebäudes, eines Abbruchobjekts. Wyrsch kann noch bis Ende Jahr bleiben, so wurde es ihm jedenfalls von der Verwaltung mitgeteilt.

Zweifel an Stadionabstimmung

Ein anderes Datum interessiert Wyrsch ebenso. Am 13. Juni stimmen die Aarauer zum dritten Mal über die Neugestaltung von Torfeld Süd ab. Die ersten beiden Abstimmungen 2007 und 2008 betrafen Kredite für die Planung und das öffentliche Miteigentum des von einer privaten Bauherrschaft zu erstellenden Stadions. Diesmal ist es etwas abstrakter. Abgestimmt wird über die Bau- und Nutzungsordnung (BNO), die festlegt, was auf dem Areal künftig überhaupt zugelassen ist. 1200 Aarauer wollen einen Volksentscheid, sie haben ein Referendumsbegehren unterschrieben. Eigentlich hätte der Einwohnerrat die BNO abschliessend absegnen können.
«Wenn der FC Aarau absteigt, bin ich nicht sicher, dass das Stadion diesmal durchkommt», wagt Wyrsch eine Prognose. Selber würde der Buchser, wenn er könnte, angesichts der bisherigen Volksmehrheiten allerdings Ja stimmen. Obwohl er zweifelt am Erfolg des Einkaufszentrums, wenn er nach Westen blickt Richtung Bahnhofneubau mit Ladenstrasse und dem noch näher gelegenen Gais-Center, wo Aldi einziehen wird.

Bedenken wegen Mantelnutzung

Schliesslich hat Wyrsch auch seine Bedenken, wenn er an die sportliche Nutzung des Stadionmantels denkt, die von der Stadt in Form von Mieten an Vereine subventioniert wird. Der Mieterausbau liegt auf Eis, seit der Einwohnerrat - anders als bei der BNO - sein Veto einlegte: Nur zwei Nutzniesser der halben Million Steuerfranken jährlich, Bürgerturnverein und Verein Beachhalle, waren dem Parlament zu wenig. Als Beachvolleyballer sitzt Wyrsch in der städtischen Projektdelegation polysportive Mantelnutzungen und weiss, wie schwierig es ist, zusätzliche Nutzer zu finden. Seit dem abschlägigen Einwohnerratsbeschluss habe jedenfalls keine Sitzung mehr stattgefunden (siehe Seite 19).
Grundsätzlich sind es die Grösse und die Kosten der Überbauung, die Wyrsch Sorgen machen: «Ich bin nicht der Meinung, dass man alles stehen lassen sollte. Aber man könnte hier etwas Cooles bauen, es hätte genug Platz für alle.» Der Fotograf möchte auf dem Gelände, das ihn inspiriere und ihm oft als Kulisse dient, bleiben und sucht zusammen mit seinen verbliebenen Nachbarn eine Ersatzlösung. Mit seinem Studio brauche er relativ viel Platz, gibt Wyrsch zu bedenken. Marktübliche Preise für Büroflächen könne er sich deshalb nicht leisten.

Zwielichtige «Zwischennutzer»

Die zur Abstimmung stehende Bauordnung sieht explizit vor, dass der Stadtrat «für bestehende Bauten Zwischennutzungen bewilligen» kann, die «von der zulässigen Nutzung abweichen» dürfen. Wobei die Bewilligung «angemessen zu befristen» sei, «längstens jedoch auf 10 Jahre». Damit wird der Status quo legalisiert, der dem Torfeld Süd den Ruf einbrachte, ein rechtsfreier Raum zu sein: Heute Industriezone, hausen hier inzwischen alles andere als Industrielle. Geblieben sind ein paar Gewerbetreibende.
Das langsame Aussterben von Torfeld Süd ziehe auch «andere Leute» an, berichtet Wyrsch. Und meint damit richtige Kriminelle. Als er sich vor sieben Jahren hier niederliess, mietete er Kellerräume. Nachdem jüngst zweimal eingebrochen wurde und die Diebe wertvolles Equipment mitgehen liessen, zügelte Wyrsch Anfang Jahr nach oben, wo er einen grandiosen Blick auf die alten Industriebauten, die Stadt und den Jurasüdfuss geniesst. Zumindest vorläufig.