Matthias B. Krause, Berlin

Herr Shaul, was macht «Breaking the Silence»?

Yehuda Shaul: Uns geht es darum, eine öffentliche Debatte darüber anzustiften, was es wirklich kostet, wenn man Soldaten schickt, um Zivilisten zu kontrollieren. Die Leute sollen verstehen: Wir können als Soldaten nicht in die besetzten Gebiete gehen und trotzdem die Guten sein.

Warum findet diese Diskussion nicht längst statt?

Einer der grössten Dämonen, gegen die wir kämpfen, ist die Behauptung: Es handelt sich bei den Soldaten, die Palästinenser misshandeln, nur um ein paar faule Äpfel. Um Ausnahmen, die beweisen, dass das System okay ist. Wir sagen: Das ist alltäglich. Wir waren alle selbst da, wir haben es auch alle getan.

Haben Sie als Soldat Verbrechen begangen?

Wenn alle, die Palästinenser misshandelt haben, ins Gefängnis müssen, dann geht unsere ganze Generation. Man kann nicht mit sauberen Händen zurückkommen.

Die von Ihnen veröffentlichten Aussagen von Soldaten, die am Gaza-Krieg teilnahmen, lösten eine Welle der Entrüstung aus.

Wir wurden von allen Seiten auf das Schärfste angegriffen. Die Armee sorgte dafür, dass Radio und Fernsehen uns nicht einluden. Premier Ehud Olmert hat uns öffentlich angegriffen, der israelische Aussenminister reiste nach Europa und versuchte, Spenden an uns zu stoppen.

Warum?

Man hat uns vorgeworfen, dass die Aussagen der 26 Soldaten anonym sind. Das ist ziemlich zynisch, wenn man bedenkt, dass die Armee in unsere Galerie eingebrochen ist, um uns mundtot zu machen.

Wie überprüfen Sie die Aussagen, die Sie veröffentlichen?

Es gibt zwei Dinge, die unser Projekt sofort sterben lassen: Erstens, wenn einer unserer Zeugen auffliegt und ins Gefängnis kommt - schliesslich sind das, was wir getan haben, Verbrechen: Menschen als Schutzschilde zu benutzen, Autos in die Luft zu jagen, Granaten in Wohngebiete zu feuern. Zweitens: Wenn wir eine Geschichte veröffentlichen, die sich als falsch erweist.

Wie stellen Sie nun sicher, dass Ihre Berichte der Wahrheit entsprechen?

Wenn jemand an uns herantritt, gehen gleich die roten Lichter an. Was will er? Was sind seine Motive? Normalerweise läuft das über Mundpropaganda: Ein Freund bringt einen Freund dazu, mit uns zu reden. Dann überprüfen wir, ob sie auch diejenigen sind, für die sie sich ausgeben. Schliesslich verlangen wir für jedes Detail ihrer Geschichte, das ungewöhnlich ist, zwei Augenzeugen.

Der Goldstone-Bericht kam zum Schluss, dass beide Seite während des Gaza-Kriegs die Menschenrechte missachteten. Was denken Sie über den Bericht?

Ich habe ihn nicht gelesen. Ich brauche keine Kommission, um herauszufinden, dass wir weisses Phosphor benutzt haben. Ich habe mit Soldaten gesprochen, die es abgeschossen haben.

Hat die israelische Armee also Kriegsverbrechen begangen?

Das ist nicht die Sprache von «Breaking the Silence». Wir treiben den moralischen Diskurs voran - da sind wir eindeutig: Bei der Offensive in Gaza wurden Grenzen überschritten, von denen man vorher nicht einmal im Traum daran gedacht hätte, sie zu überschreiten. Deswegen fordern wir eine unabhängige öffentliche Untersuchung. Israels Gesellschaft hat ein Recht zu wissen, was in ihrem Namen geschah.

Das israelische Militär rühmt sich, eine der schärfsten ethischen Richtlinien der Welt zu haben.

Während des Gaza-Kriegs lag der Ethik-Code in der Schublade. Die Streitkräfte agierten bewusst nach anderen Regeln. Und später stritten sie es ab und belogen alle. Es ging um den maximalen Schutz unserer eigenen Soldaten, auch wenn Zivilisten dafür den Preis bezahlen.

Wie sah das in der Praxis aus?

Normalerweise lautet die Devise: Wenn du Zweifel hast, wird nicht geschossen. Während der Gaza-Offensive lautete die Parole: Wenn du Zweifel hast, drück den Abzug. Das aber verletzt das Prinzip, das im Ethik-Code festgeschrieben ist: Alles zu tun, um zivile Opfer zu vermeiden.

Was sagt Ihre Familie zu Ihrer Arbeit?

Wir versuchen, Beruf und Privates nicht zu vermischen (lacht).

Funktioniert das?

Mein Vater ist der Einzige aus meiner Familie, der sich die erste Ausstellung 2004 angesehen hat. Als er hörte, dass wir Palästinenser daran gehindert haben, ihre Angehörigen zu beerdigen, um die Ausgangssperre durchzusetzen, rief er: «Yehuda, hast du so etwas auch gemacht?»

Wie haben Sie geantwortet?

Mit Zynismus. Ich sagte: «Wir haben nicht nur Beerdigungen gestört, auch Hochzeiten.» Mein Vater hat die Galerie damals wortlos verlassen. Erst viel später ist er zur mir gekommen und sagte: «Heute verstehe ich, warum du tust, was du tust.»

Die israelischen Streitkräfte berufen ihre Reservisten einmal im Jahr ein - also auch Sie. Wie gehen Sie damit um?

Dazu möchte ich lieber nichts sagen. Einige Mitglieder von «Breaking the Silence» gehen, andere nicht.

Haben Sie keine Angst, eines Tages für das, was Sie als Soldat getan haben, vor einem Richter zu landen?

Nein. Ich wünsche mir, man würde mich anklagen. Das wäre der wichtigste politische Akt, den ich in meinem Leben unternehmen könnte: das System zu zwingen, sich mit dem System zu beschäftigen.