Maienzugansprache von Ständerätin Christine Egerszegi-Obrist

Ansprache Maienzug 2009 Aarau von Christine Egerszegi-Obrist, Ständerätin, Mellingen. Mit Bildern von der Morgenfeier von Peter Siegrist.

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Morgenfeier am Maienzug in Aarau
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Morgenfeier am Maienzug in Aarau

Aargauer Zeitung

Liebe Maitli und Buben
Liebe Lehrerinnen und Lehrer
Liebe grosse und kleine Gäste

Die Sonne lacht für die Aarauer Festgemeinde. Ihr habt das verdient: so viele Hände haben geschmückt, gebacken, geschnitten, getragen, gebaut, geübt, gewischt, gebibbert, gewartet, gehirnet. Das Programm begeistert. Ich verstehe, dass ihr euch alle gefreut habt.

Ich bin im andern Kantonsteil, in Baden aufgewachsen. Da gibt es nicht in jedem Jahr ein so traditionsreiches Fest für gross und klein. Ich erinnere mich aber trotzdem gern an unsere Jugendfeste zurück. An die Freuden und Sorgen, die damit verbunden waren: meine Mutter freute sich über das wohl gelungene weisse Jugendfeströckli, das sie selber für diesen Tag genäht hatte, und machte sich Sorgen, dass es dreckig werden könnte, bevor das Fest am Abend zu Ende ging; mein Bruder freute sich auf den Fackelzug mit richtigem Feuer, der sich zum Ende des Festes durch die Altstadt schlich, machte sich aber auch Sorgen, ob er nicht zu wenig Gratisbons für den Lunapark mit dem Riesenrad, der Autobahn und dem Geisterlabyrinth erhalten hatte; ich selber freute mich zusammen mit meinen Freundinnen von Spielstand zu Spielstand zu schlendern und machte mir Sorgen, dass das Fest viel zu früh zu Ende ging. Eines war uns allen gemeinsam: Nach dem Jugendfest war Ferien, und während 5 Wochen konnte ich am Abend später ins Bett und am Morgen länger schlafen.

Zu jener Zeit verbrachte ich mit meinem Bruder fast alle Sommerferien bei meinen Grosseltern. Nach der Pensionierung waren sie aufs Land gezogen, wo sie sich auf dem Lande zwei Geissen, eine Sau, ein paar Hühner, den Hund Rex und die zwei Katzen „Schnittlauch und Peterli" leisteten. Wir zwei Stadtkinder waren dort regelrecht im Paradies: Wir spielten mit den Tieren, konnten in der Scheune basteln, im Hof im alten Brunnen Schiffe versenken, lärmen und tummeln nach Herzenslust. Wenn der Grossvater für seine beiden Geissen Gras schnitt, machten wir Purzelbäume in die Schöchli und verhudelten den Haufen auf alle Seiten. Geduldig hat er sie dann wieder aufeinander geschichtet. Nach den Ferien fand unsere Mutter immer, wir wären völlig verwahrlost. Eines unserer absoluten Lieblingsspiele dort auf dem Lande war aber „Robinson spielen".

Vielleicht kennt ihr das Buch von Daniel Defoe. „Robinson Crusoe". Es beschreibt das Abenteuer von einem Mann, den es nach einem Schiffsunglück auf eine einsame Insel verschlagen hatte. Es erzählt, wie er dann in freier Natur, ohne jegliche Zivilisation, mit selbstgebastelten Werkzeugen, ein neues Leben aufgebaut hat, wie er Freundschaft schloss mit einem Eingeborenen, den er Freitag nannte, weil er ihn an einem Freitag gefunden hatte. Diese Geschichte fasziniert immer wieder aufs neue.

Wenn man so auf einer einsamen Insel landet, braucht man plötzlich ganz andere Fähigkeiten, als das, was man in der Schule lernt, ( wen kümmert denn dort die Neunerreihe, ob man Zirkus mit ck schreibt, ob die Schlacht bei Morgarten 1315 oder 1515 war, oder wie der subjonctif troisième personne du pluriel von s'en aller geht ....) Weit weg von unserer Zivilisation, eben tief im Dschungel oder auf einer einsamen Insel, da hat man auch ganz andere Bedürfnisse, Wünsche und Anliegen, als im täglichen Leben bei uns: wen würde es denn dort kümmern, ob jemand in die Bezirksschule oder die Realschule geht, von der Kantonsschule ganz zu schweigen.....wen würde es dort interessieren, wer Fussballmeister, Wimbledonsieger oder Musicstar wird, ob das Handy fotografieren kann oder, oder - und doch, auch Robinson hatte Wünsche und Ziele, die sich erfüllten oder nicht, hatte Fähigkeiten, die er einsetzen konnte, oder deren fehlen er schmerzlich spürte.
Das zeigt uns doch deutlich, dass jeder Mensch auf dieser Erde Wünsche braucht. Schliesst einmal die Augen und stellt euch vor, war ihr euch jetzt am meisten wünscht. Wenn ihr euch vorstellt, dass das bald in Erfüllung gehen wird, werdet ihr gleich ungeduldig vor Erwartung. Ihr verspürt unmittelbar ein Glücksgefühl aufsteigen. Wie mehr und wie länger man sich etwas gewünscht hat, umso grösser ist die Freude, wenn es schlussendlich in Erfüllung geht.

Es gehört aber auch zum Leben, dass man Wünsche hat, die nicht in Erfüllung gehen. Es ist wichtig, dass man sich damit abfindet, dass jeder, ich betone JEDER und JEDE etwas hat, was einem andern fehlt und ihm grosse Freude machen würde. Also jeder im Leben kann irgendetwas mehr, besser, als die andern. Es besteht aber die Gefahr, dass wir nur das sehen, was die andern mehr haben, was die andern besser können, und das, was wir mehr haben, was wir besser können gar nicht mehr beachten. Ihr seht bei eurem Kameraden etwa nur, dass er lauter 6 und 5 - 6 im Zeugnis hat, ihr beneidet ihn. Für ihn ist das nichts besonderes. Er leidet aber darunter, dass er keinen richtigen Freund hat. Du hast viele Freunde und freust dich gar nicht darüber, weil du nur an seine guten Noten denkst, die dir fehlen. Wir müssen viel mehr sehen, was wir haben: Ich wohne in einem Haus und hätte so gern einen Balkon. Freut ihr euch darüber, dass ihr einen Balkon habt? Ich hätte so gern einen Onkel in Italien oder eine Tante in Kroatien? Wenn ihr das habt, freut euch darüber! Ich habe immer bedauert, dass meine Kinder keinen Grossvater hatten.... Freut euch doch richtig, wenn ihr Grosseltern habt!

Seht, jeder Mensch wünscht sich etwas , was ihm fehlt. Ihr denkt jetzt Könige können sich alles leisten, sie hätten keine Wünsche offen. Nein, überhaupt nicht, die können nämlich im Sommer, wenn es heiss ist, nicht einfach mit der Badehose ins nächste Schwimmbad und unter dem Baum liegend ein Soft Ice schlecken.

Jeder Mensch ist etwas ganz besonderes. Ich behaupte nicht nur, dass jeder etwas Besonderes hat, sondern auch etwas besonderes besser kann, als alle andern. Die eine kennt alle Schmetterlinge, der andere alle Fussballstars. Die eine kann rechnen wie der Blitz, der andere kann Rollerbladen wie keiner in der Klasse. Eine andere hat einen ganz besonderen Sinn für die Zusammenstellung der Farben, die zusammenpassen, der andere kann wunderbar trösten, wenn jemand traurig ist. Der eine kann jeden Computer wieder in Gang setzen, die andere kann aus jedem Holz Figuren machen, eine dritte setzt sich ans Klavier und spielt und spielt - ohne Noten... Ich könnte noch viele Eigenschaften aufzählen. Ihr habt gemerkt, die meisten sind wichtig im Leben, aber die wenigsten stehen im Zeugnis drin. Das sind aber gerade diejenigen Fähigkeiten, die man ein Leben lang braucht. Wichtig ist, dass man das findet, wo man seine guten Fähigkeiten einsetzen kann.

Für viele unter Euch wird es nach den Ferien Veränderungen geben. Ihr geht in eine neue Klasse, vielleicht zu einem neuen Lehrer, sogar für einige wird es einen neuen Schulort geben. Vor allem ihr heutigen 5. Klässler startet in einen neuen Abschnitt als aufgestellte Realschüler, aktive Sekundarschüler, zupackende Bezirksschüler. Startet gut und mit dem Gefühl, dass jeder etwas besser kann als alle anderen ihr auch, egal in welcher Stufe ihr weitermacht. Ich habe während 6 Jahren Bezirksschulklassen unterrichtet und habe erfahren, dass es auf jeder Stufe, in jeder Klasse begabte und weniger begabte Schülerinnen und Schüler gibt. Auch in einer Bezirksschulklasse. Ich habe später am KV Baden unterrichtet, Verkäuferklassen aus ehemaligen Realschülern, sogar Kleinklassenschülern. Auch dort gab es genau dasselbe: intelligente und weniger intelligente Burschen und Mädchen. Vielleicht konnten die Gescheiten nicht ganz fehlerfrei schreiben oder auf Anhieb alle Rechnungen lösen, aber dafür hatten sie ein enormes Gespüri über Zusammenhänge oder tiefe Kenntnisse über Spezialgebiete, etwa über Pflanzen oder Traktoren. Aber alle haben sich später in ihrem Alltag bewährt, die sich eingesetzt haben. Aus allen Stufen kommen selbstbewusste Lehrlinge oder offene Kantischüler.

Deshalb darf man die Menschen nie danach beurteilen, was für eine Stellung sie im Leben haben, sondern wichtig ist, wie sie ihre Arbeit machen. Ich bin überzeugt, dass soviel man in eine Tätigkeit hineinsteckt, soviel kommt zurück. Nicht immer im selben Moment, manchmal braucht es viel Geduld, Fleiss und Durchhaltevermögen. Aber dann spürt man es. Wenn ich als Nationalratspräsidentin neue Mitglieder im Parlament vereidigen musste, liess ich sie zuerst auf die Verfassung schwören. Dann habe ich ihnen eben das gesagt. Sie treten ein Amt an, das sich in keiner Weise von allen andern Tätigkeiten in unserem Land unterscheidet. Soviel Einsatz sie hineinstecken werden, soviel wird auch wieder als Befriedigung zurückkommen.
Bei Robinson und Freitag auf der Insel brauchte es viel Engagement, gute Ideen, handwerkliche Fähigkeiten aus den Naturprodukten eine Hütte zu bauen, Einsatz um Nahrung zu finden, die gegenseitige Unterstützung von Kameraden und ganz einfach viel Freude am Alltag. So haben sie ihr Leben gut gemeistert.

Nun wünsche ich mir, dass ihr versucht alle die guten Seiten in euren Kameraden und Kameradinnen zu sehen, alle ihre Fähigkeiten zu schätzen, aber auch selbstbewusst mit euren Talenten umgeht. Ich danke euch Lehrerinnen und Lehrer, die diese Aufgabe neben dem Kopfrechnen und Schönschreiben auch in den Unterricht mit ein beziehen. Ich danke Euch Väter und Mütter, die diese Haltung vorleben.
Ich wünsche ihnen allen eine schöne und erholsame Ferienzeit. Und jetzt geniesst das Fest mit viel Freude, Herzlichkeit and a lot of fun.

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