Fussball
Machen Kopfbälle dumm?

Beliebte Gesundheitsmythen aus der Fussballwelt feiern zurzeit ihre fröhliche Auferstehung. Wir haben acht davon auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft.

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Juliane Lutz

Seit am 11. Juni der Anpfiff des ersten WM-Spiels ertönte, hat sich das Land in ein Heer von Fussballkennern verwandelt, die einfach alles wissen. Doch so manches, was in den Köpfen herumschwirrt, hat keinerlei Berechtigung. Wir stellen acht beliebte Mythen aus der Fussballwelt auf den Prüfstand.

1. Machen zu viele Kopfbälle dumm?

Es ist nicht nachgewiesen, dass die Intelligenz unter zu vielen Kopfbällen leidet. Sicher ist jedoch, dass das gegen Köpfe prallende runde Leder nicht zu grösseren Verletzungen führt. Viel gefährlicher als Bälle sind dagegen die Köpfe oder Ellbogen der anderen Spieler. Ausserdem: In der Welt der Stürmer, Verteidiger und Goalies ist die ganze Bandbreite an Intelligenz vertreten. Und wer nach Beendigung der aktiven Karriere nicht besonders klug erscheint, hatte vielleicht auch vorher schon alles in den Beinen und weniger im Kopf.

2. Pierre Littbarski oder Franck Ribéry – viele Fussballer hatten und haben ausgeprägte O-Beine. Lässt sich das auf den Sport zurückführen?

Studien zufolge haben und hatten vor allem früher Fussballer im Durchschnitt tatsächlich häufiger O-Beine als der Rest der Bevölkerung. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die nicht symmetrische Krafteinwirkung durch das ständige Treten gegen den Ball zu O-Beinen führte. Da heute viel mehr Wert auf ein ausgeglichenes Körpertraining gelegt wird, sind O-Beine nicht mehr ganz so oft das Erkennungszeichen eines Fussballers.

3. Sind Schienbeinschoner nicht etwas für Weicheier?

Nein. Sie zeichnen im Gegenteil den klugen Spieler aus. Wer ohne den Schutz spielt, riskiert langwierige und sehr schmerzhafte Verletzungen der Knochenhaut. Diese ist sehr empfindlich und befindet sich vorn am Schienbein in gefährlich exponierter Lage. Die Schoner mindern die Wucht eines Tritts und damit das Verletzungsrisiko der Knochenhaut.

4. Kann sich das Warmlaufen sparen, wer vor dem Match die Beine mit Dul-X oder Perskindol einreibt?

Absolut nicht. Die Muskulatur lässt sich nur durch Übungen oder Lauftraining aufwärmen, aber nicht durch eine Salbe allein. Vor dem Spiel bringt sie nichts, und Sportärzte empfehlen sie allenfalls nach dem Match – als Begleiterin einer Lockerungsmassage.

5. Beeinträchtigt Alkohol am Abend vor dem Match die Leistung am nächsten Tag?

Das ist eine Frage des Masses und der Zeit. Sicher ist, dass bereits nach einem Glas Bier oder Wein die Muskulatur weniger belastbar ist. Ausserdem hemmt Alkohol die Neubildung von Fett. Wer aber auf dem Platz durch Ausdauer überzeugen will, braucht neben Glykogen auch ausreichend gefüllte muskuläre Fettdepots, damit die Muskeln ihre Arbeit verrichten können.

6. Führt der Verzicht auf sexuelle Aktivitäten vor dem Match zu grösserer Angriffslust auf dem Spielfeld?

Diese Annahme entbehrt nach Meinung von Experten jeder Grundlage. Zwar lässt sich der sexuelle Höhepunkt mit einem endokrinologischen Gewitter vergleichen, jedoch wurde bislang nicht nachgewiesen, dass sich ein Orgasmus in irgendeiner Weise auf den Testosteronspiegel auswirkt. Darüber hinaus entscheidet nicht das männliche Sexualhormon allein darüber, wie aggressiv sich ein Spieler gebärdet. Auch die psychologische Vorbereitung trägt das Ihrige zur entsprechenden Angriffsstimmung bei. Es wird vermutet, dass manche Trainer ihren Spielern Sex vor dem Match verboten, damit sie sich ohne jegliche Ablenkung ganz auf das Spiel konzentrieren konnten.

7. Manche Kicker schwitzen schon nach kurzer Zeit übermässig. Weist das auf ungenügende Fitness hin?

Keineswegs. Ob jemand schnell und stark schwitzt, ist vielmehr genetisch bedingt. Ausnahme: übergewichtige Menschen. Sie schwitzen bei gleicher sportlicher Tätigkeit mehr als schlanke.

8. Sollte, wer schon länger keinen Sport mehr getrieben hat, es lieber beim Passivfussball belassen, um kein Verletzungsrisiko einzugehen?

Definitiv. Auch wenn der spielerische Einfallsreichtum eines Cristiano Ronaldo oder das Freistosstalent eines Hakan Yakin dazu animieren, selbst zu spielen, bietet sich nach längerer sportlicher Abstinenz anderes an. Etwa ein leichtes Lauftraining oder eine Velotour. Untrainiert Fussball zu spielen, ist dagegen mit hoher Verletzungsgefahr verbunden. Bei diesem Sport kommt es neben Kraft und Kondition vor allem auf Koordination an. Fehlt es an dieser, knickt schnell der Fuss um oder verdreht sich beim heftigen Einsatz das Knie mit bösen Folgen für Kreuzband und Meniskus.

Die Mediziner Kurt Laederach (Endokrinologie, Diabetologie und Klinische Ernährung, Inselspital Bern), Katharina Meyer (Belastungs- und Sportphysiologie, Inselspital Bern) und Thomas Ringgenberg (Sportmedizinisches Zentrum Bern) standen bei der Beantwortung der Fragen beratend zur Seite.

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