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Lose Sitten und Profilierungssucht: Auf der Spur des Beamtenlebens

Die Theatergesellschaft inszenierte das Stück «Seitensprung ins Paradies»

Bettina Meyer-Herms
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Ins «Paradies» reist so mancher nur inkognito. BMH

Ins «Paradies» reist so mancher nur inkognito. BMH

Limmattaler Zeitung

Hugo Mörgeli (Ueli Vitt), Sekretär bei der Stadtpolizei Zürich, sucht nach entgangener Beförderung eine neue Chance. Er verkörpert den vom Pu-blikum bereits im ersten Akt in der ausverkauften Boostockhalle mehrmals mit Szenenapplaus gewürdigten lethargischen und dienstbeflissenen Staatsdiener.

Sein Konkurrent, Adjunkt Dr. Gehring (Karim Milo), hat ihn mit seiner gezielt positionierten Einsatzbereitschaft im Amt überholt. Nachdem Mörgeli seinen Frust am Vorabend im Niederdorf ertränkt hat, verspätet er sich erstmals in seiner Karriere. Ungünstig, denn: Der neue Amtsleiter sowie die die Antisex-Kampagne lancierende Gemeinderätin Ottilie Häberling (Edith Bühn) kündigen einen Besuch an. Der Gemeinderätin sind die losen Sitten im Hotel Paradies zu Ohren gekommen und ein Dorn im Auge. Der Beamte Mörgeli wittert eine Chance, sich endlich zu profilieren.

Wird Bütler doch noch Bundesrat?

Mit der Volksvertreterin, «gegen die der Papst ein Sexualsympathisant ist», macht er sich zur Begeisterung der Zuschauer auf ins berüchtigte Etablissement der Versuchung. Er überrascht dort, «in flagrante delicto», nicht nur den 1. Adjunkt Brandenberger (Migi Perez) mit der eigenen Frau, Silvia (Claudia Wiederkehr). Zur Freude des rundum begeisterten Publikums meldet die
Theatergesellschaft im zweifelhaften Hotelbetrieb gleich alle Bundesräte und den Spreitenbacher Gemeindeammann Bütler – gleich dreimal – namentlich als Gäste an. «Das kann ja nur ein Scherz sein, der ist ja gar nicht im Bundesrat.» «Noch nicht...» prognostiziert weise der Mörgeli.

Wenn sich Beamte entwickeln

In rasanter Entwicklung wächst der Sekretär zwischen zweitem und drittem Akt vom geistig verlangsamten Beamten zum bauernschlauen «schwejkschen» Staatsdiener heran. Dieser erkennt endlich, dass Pünktlichkeit, Fleiss und Ordnung alleine nicht ausreichen, um in der städtischen Verwaltung befördert zu werden.

Seinen nun folgenden raketenartigen Aufstieg verdankt er der neuen Einsicht, dass gezieltes Wegsehen den Weg nach oben enorm erleichtert.

Die Theatergesellschaft Spreitenbach ist mit der Inszenierung dieses Theaterstücks, gleich dem Mörgeli, über sich hinausgewachsen.