1. Weltkrieg

Lieber jetzt als später: Wie sich die Nationen ins Verderben stürzten

Kriegsfreiwillige in Berlin, 1914: Junge Männer feiern begeistert die Mobilmachung, Keystone

Kriegsfreiwillige in Berlin, 1914: Junge Männer feiern begeistert die Mobilmachung, Keystone

Hätte der 1. Weltkrieg verhindert werden können? Kaum. Aber nicht alle Beteiligten agierten gleich kriegstreibend. Und einfach Aufhören konnte man auch nicht - erst recht ab dann nicht, als die Moral ins Spiel kam.

Ist Gavrilo Princip die «verhängnisvollste Figur des 20. Jahrhunderts»? Oder waren seine zwei Schüsse, die eher zufällig den Thronfolger und seine Frau töteten, nur der Funke, der das Pulverfass entzündete? Wie konnte so etwas passieren? Ein fanatisierter Jugendlicher, der vom Tyrannenmord träumt, der ein Ereignis in Gang setzt, das Millionen das Leben kosten wird? Europa wird nicht mehr sein, was es war.

Die vertrackte Warum-Frage

Den einen Grund, der alles erklärt, wird man nicht finden. Es war ein Vorgang, ein Prozess, der ablief. Natürlich nicht von selbst, da war immer jemand, der etwas tat oder eben nichts tat. Wenn man näher hinschaut, gab es mehr als genug Gelegenheiten, den Wahnsinn zu stoppen. Wenn man weiter weggeht, sieht man allerdings das Setting, die ganze Situation. Und die verheisst, dass da bald etwas in die Luft fliegen wird.

Man soll nicht dem Anlass nachstudieren, sagt die Konfliktforschung. Bringt nichts, darüber zu lamentieren, wer angefangen hat. Das leuchtet ein.

Also war auch dieser Krieg, wie Hamlet über den unseligen Polen-Feldzug des Fortinbras sagt, «the impostume oft much wealth and peace» – ein Abszess, ein Geschwür, genährt von Staatswohlstand und Frieden, der unsichtbar wächst und dann plötzlich aufbricht?

Falsch, rufen jetzt ganz viele. Die Gründe liegen offen da: Imperialismus, Militarismus, Sozialdarwinismus. Es war absehbar, dass in Kürze – wie Engels sagte, - «die Kronen auf der Strasse liegen» würden.

Schauplatz Westfront – Ypern-Schlacht (1917): Australische Soldaten im Morastgelände des Chateau-Waldes. Keystone

Schauplatz Westfront – Ypern-Schlacht (1917): Australische Soldaten im Morastgelände des Chateau-Waldes. Keystone

Geschichte oder Dummheit?

Will man etwas Klarheit gewinnen, empfiehlt es sich, die Vorkriegszeit in drei Phasen aufzuteilen.

Phase 1: Das Ausloten der Macht- und Bündnisverhältnisse in Europa.

Die Bereitschaft in Wien war vorhanden, «endlich mit Serbien abzurechnen». Die Einheit des Reiches schien nur durch Krieg zu bewahren. Reagierte man nicht auf diesen Terrorakt, würde sich das Reich in ein Konglomerat von Nationalstaaten auflösen. Hinter Serbien stand allerdings Russland. «Russland wird nicht zuschauen», sagte Kaiser Franz Joseph. Kaiser Wilhelm, der mit Franz Ferdinand befreundet war, hatte nichts dagegen, «die Serben Mores zu lehren». Allerdings dachte er an eine schnelle, lokal begrenzte Strafaktion.

Tatsächlich geschah erst einmal ziemlich lange nichts. Dann stellte Österreich Serbien ein Ultimatum, so formuliert, dass es als nicht annehmbar erachtet wurde. Spätestens von diesem Zeitpunkt an sind die offiziellen Akten frisiert. Was in St. Petersburg (wo Frankreichs Präsident Poincaré zu Besuch weilte) abging, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Die Russen auf jeden Fall sagten Belgrad Unterstützung zu und begannen zu mobilisieren.

Die schreckliche Soldaten-Bilanz des 1. Weltkrieges

Die schreckliche Soldaten-Bilanz des 1. Weltkrieges

Phase 2: Krisenmanagement im Hinterherhinken

Jetzt wurde klar, dass der Konflikt nicht mehr auf den Balkan begrenzt bleiben konnte. Alle begannen jetzt, vom «europäischen Krieg» zu reden. Allerdings wusste keiner, was das wirklich bedeutete. Die Österreicher hatten zu lange zugewartet, die russische Falkenfraktion hatte inzwischen Tatsachen geschaffen. Tatsachen? Noch musste der Zar überredet werden. Eine Teilmobilmachung gegen Österreich, um Serbien zu helfen? Das sagt er telefonisch zu. Vielleicht schreckt Österreich das ab.

Die Deutschen sehen, dass in Russland militärisch etwas geht. Das macht sie unruhig. Wenn Russland mobil macht, muss Deutschland auch. Denn die deutsche Planung sieht zwingend vor, einen Zweifrontenkrieg dadurch zu bestehen, dass man zuerst Frankreich (durch Luxemburg und Belgien) überfällt und schlägt und dann erst das Gros der Armee nach Osten schickt.

Die Serben lenken völlig überraschend fast auf der ganzen Linie ein. Aber Österreich hat schon auf Krieg geschaltet. Als der deutsche Kaiser die serbische Antwort liest, sagt er: «Kein Kriegsgrund». Und er telegrafiert dem russischen Zaren, seinem eingeheirateten Cousin «Nicky»: «Stopp die Mobilisierung.» Der Zar fragt bei seinen Ministern nach und erfährt: Ja, Vollmobilisierung – und das ist allen klar – damit Krieg. Er befiehlt, die Mobilmachung abzubrechen. Die Generalität ist entsetzt. Österreich hat Serbien den Krieg bereits erklärt. Jetzt hängt alles von England ab. Auch hier hat Wilhelm II. verwandtschaftliche Beziehungen. England könnte noch stillhalten.

Phase 3: Die Militärs übernehmen endgültig

Die Deutschen sind nervös. Die Zeit drängt. Die ersten Züge rollen schon. Wilhelm sagt zu den Militärs: Schickt doch die Soldaten nach Osten, damit Russland keine Dummheiten macht. Darauf entgegnet der deutsche Generalstabschef Helmuth von Moltke: «Unmöglich. Da würde nur ein ungeordneter Haufen ankommen.» Nein, man dürfe den Ablauf des Plans nicht mehr ändern. Deutschland marschiert gegen Frankreich, Russland gegen Deutschland und Österreich blamiert sich in Serbien.

Alle wollten den Frieden

Am kriegslustigsten sind die Österreicher und die Russen. Die Deutschen stehen am Schluss als die Schuldigen da, weil sie zuerst den Krieg erklärt hatten. Das hatte aber logistische Gründe. Der unselige Schlieffenplan: zuerst im Westen, dann nach Osten. Der Vorwurf, die Politik habe sich nicht gegen das Militär durchgesetzt, ist berechtigt.

Dazu geisterten in Deutschland Ideen herum von einem Präventivkrieg. Russland rüstet auf, bald sind wir zu schwach. Ein Militär wie Moltke glaubt an seinen Plan. Leider glaubten die Politiker und Kaiser nicht ebenso stark an den Frieden.

Anfang August 1914 umarmen sich weinend Aussenminister und Botschafter. Keiner hat das gewollt. Und doch wird es jetzt geschehen. Nur die wenigsten Militärs und kein Politiker hatten eine Vorstellung vom modernen Krieg. Man marschierte mit Pickelhaube und rotblauen Hosen ins Feuer der Maschinengewehre und Feldgeschütze.

Blutmühlen hier wie dort

Nichtwissen ist nicht per se unverzeihlich. Man kann lernen. Dass dies kein Krieg wie die vorherigen würde, wurde schnell klar. Deshalb ist auch die Frage berechtigt: Warum hörte man nicht auf? Die Blutmühlen mahlten unerbittlich, die autoritären wie die bürgerlichen. Und die Argumente gegen Friedenslösungen glichen sich. Opfer um Opfer und jetzt Verzicht? Lieber noch mehr Opfer, dafür alles!

Und der Kriegsverlauf trug eben auch nicht dazu bei, der Vernunft eine Stimme zu geben. Die Deutschen hatten im Sommer 1914 unglaubliches Glück, dass die Russen in Ostpreussen so inkompetent agierten. Hindenburg und Ludendorff setzten bei Tannenberg alles auf eine Karte – und gewannen. Leider. Hätten die Russen ihren Feldzug, bei dem eigentlich nichts schiefgehen konnte, ordnungsgemäss durchgezogen, hätte Deutschland weit früher aufgeben müssen. Und die Front in Frankreich kam gerade noch im letzten Moment zum Stehen. Ein deutscher Sieg wäre dem endlosen Blutvergiessen auf jeden Fall vorzuziehen gewesen.

Ein Letztes kam hinzu: der moralische Faktor. In Belgien begingen die Deutschen Kriegsverbrechen und töteten Zivilisten. Die Entschuldigung, das seien Partisanen oder Franc-Tireurs gewesen, wurde nicht akzeptiert. Spätestens von da an wurde der Krieg eine Sache der Moral. Es galt, die Zivilisation gegen die Barbarei zu verteidigen. Das überzeugte schliesslich auch die USA. Und dann entschied die wirtschaftliche Überlegenheit. Leider viel zu spät. Zu spät, um das Blutvergiessen zu beenden. Und zu spät, um alle Gedanken an Revanche und Dolchstoss auszurotten.

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