Baden
Liebe falsch interpretiert

Ein Kind, das Liebe und Zuneigung suchte, bekam sie vom Adoptivvater auf eine Art und Weise, die den Mann vor Gericht brachte.

Drucken
Teilen
Justizia

Justizia

Berner Rundschau

Rosmarie Mehlin

Gino (alle Namen geändert) war angeklagt der mehrfachen sexuellen Handlungen - zum einen mit einem Kind, zu anderen mit einer Abhängigen. Der 50-Jährige soll sich also sowohl an einer Person unter 16 Jahren als auch an eine unter 18 Jahren vergangen haben. Konkret war es ein und dasselbe Mädchen und im Zentrum der gestrigen Verhandlung vor Bezirksgericht Baden stand die Frage, ab welchem Alter Gino sexuellen Kontakt zu Dolores gehabt hatte. Er sagt, das sei erst nach deren 16. Geburtstag gewesen, sie machte im Verlauf der Untersuchungen unterschiedliche Aussagen.

Zwillinge adoptiert

Gino hatte 1991 Marguerita, eine Frau aus einem anderen Kulturkreis, geheiratet. Vier Jahre später war der gemeinsame Sohn geboren worden und 1996 hatte Marguerita ihre beiden damals 9-jährigen Nichten, Zwillinge, aus der Heimat hierher geholt: Ihre Schwägerin war schwer krank und ihr Bruder hatte kaum Geld. «Ich war völlig einverstanden und wir haben schon bald das Adoptionsverfahren für die beiden Mädchen eingeleitet», so Gino vor Gericht.

Ende der 90er-Jahre hatte es in der Ehe zu kriseln begonnen und die Eheleute hatten separate Schlafzimmer bezogen. Die Zwillinge wuchsen heran. Dolores allerdings ist, als Folge einer Hirnhautentzündung im Babyalter, geistig leicht behindert. Zu ihrer Zwillingsschwester Carmen und zum Adoptivvater Gino hatte sie stets - und hat es noch immer - ein besonders inniges Verhältnis.

Eines Abends im Herbst 2006 hatte die damals 19-Jährige ihrer Schwester anvertraut, dass sie ein intimes Verhältnis mit Gino habe. Obwohl sie Dolores versprochen hatte zu schweigen, erzählte Carmen die Sache der Mutter, worauf diese Anzeige bei der Polizei erstattete. Gino, einen Tag in U-Haft gesetzt, gab zu, regelmässig mit Dolores zu schlafen - allerdings erst, seit diese 18 sei. Dolores ihrerseits machte gegenüber der einvernehmenden Polizeibeamtin andere Aussagen: Geschlechtsverkehr hätten Gino und sie zwar tatsächlich erst, seit sie 18 sei. Doch sexuelle Handlungen hätten sie schon lange vorher, seit sie 11-jährig gewesen sei, gegenseitig vorgenommen.

Mit 11 Jahren oder erst mit 16?

In einer ersten Konfrontationseinvernahme hatte Dolores sich korrigiert: Sie sei 14 gewesen, als es angefangen habe und bei einer weiteren Konfrontation hatte Dolores den Zeitpunkt vom Beginn der Handlung erneut nach oben, nunmehr auf ihr 16. Altersjahr angesetzt.

Die Befragung von Dolores vor Gericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit dauerte nur kurz und ergab offenbar keine neuen Erkenntnisse. Gino seinerseits blieb bei der Befragung durch Gerichtspräsident Guido Näf dabei: Als Dolores 16 war, hätten sie sich ineinander verliebt, hätten sich geküsst und gestreichelt. «Sie hatte damals schon mit mir schlafen wollen, aber ich habe Nein gesagt.»

Die Psychologin, bei der Dolores seit 2000 immer wieder in Therapie ist, sagte vor Gericht: «Dolores hatte stets grosse Sehnsucht nach Liebe, die sie von der Adoptivmutter kaum, wohl aber vom Adoptivvater bekommen hat.» Auch wenn ihre geistigen Fähigkeiten eingeschränkt sind, sei Dolores keineswegs dumm. Bei den polizeilichen Einvernahmen aber sei sie offenbar überfordert gewesen. «Sie habe, äusserte sie mir gegenüber, dort falsche Sachen gesagt.»

Eventuell war es Schändung

Der Staatsanwalt betonte, dass Dolores glaubhaft sei, und dass erfahrungsgemäss die in einer ersten Einvernahme gemachten Aussagen der Wahrheit entsprechen. Er fordert eine 4-jährige Freiheitsstrafe. Er legte aber in das Ermessen des Gerichtes, wegen Dolores' Behinderung eventuell den Straftatbestand der Schändung erfüllt zu sehen: In dem Fall seien 5 Jahre angemessen.

Der Verteidiger betonte, dass es weder Beweise noch rechtsgenügliche Indizien dafür gebe, dass Gino mit Dolores vor deren 16. Lebensjahr eine sexuell motivierte Beziehung eingegangen sei. Danach sei eine solche zugestanden, das Mädchen habe sie aber gewollt und Gino dessen Abhängigkeit also nicht ausgenützt, weshalb er von Schuld und Strafe freizusprechen sei. Das Urteil wird heute bekannt gegeben.

Aktuelle Nachrichten