Beat Rechsteiner

Von einer Aschewolke mag sich Bundesrat Moritz Leuenberger die Laune nicht verderben lassen. Den Vulkanausbruch, der den europäischen Luftverkehr zum erliegen bringt, kommentiert der Verkehrs- und Umweltminister heiter-philosophisch: Er bereue es, derzeit in der Schweiz zu sein und nicht an einer Konferenz auf Bali festzusitzen, sagt er im Interview mit dem «Sonntag». Er merke bei sich selbst, «dass eine solche Zäsur guttut. Sie bringt eine gewisse Leichtigkeit in schwere Themen.»

Peter Müller, Direktor des Bundesamts für Zivilluftfahrt (Bazl), müssen solche Botschaften seines Chefs vorkommen wie aus einer anderen Welt. Seine Behörde arbeitet seit Tagen unter Hochdruck und hat gestern die Flugsperre für die Schweiz bis heute Montag um 14 Uhr verlängert. Müller spricht von drastischen Folgen für die gesamte Volkswirtschaft. Auch FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen ist nicht zu Scherzen aufgelegt: «Die Probleme sind gravierend, und was Leuenberger sagt, ist total naiv.» Wasserfallen ist direkt betroffen: Er sitzt in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul fest und kann nicht nach Hause fliegen .

Nachtfahrverbot aufheben?

Richtig sauer gar reagiert SVP-Nationalrat und Verkehrspolitiker Ulrich Giezendanner. Er könne solche Aussagen nicht ernst nehmen, sie seien typisch für den «Romantiker» Leuenberger. Giezendanner will den SP-Bundesrat in die Pflicht nehmen: «Leuenberger muss jetzt aus seinem Traum erwachen, Führungsverantwortung übernehmen und schnellstmöglich einen Krisenstab organisieren, der sich präventiv mit möglichen weiteren Folgen der Aschewolke für die Wirtschaft auseinandersetzt.» Camion-Unternehmer Giezendanner fürchtet, dass wegen der Verlagerung des Personenverkehrs vom Flugzeug auf die Schienen auch der Bahn-Güterverkehr bald an seine Kapazitätsgrenzen stossen könnte. Da müssten nun präventiv mögliche Szenarien durchgespielt werden. Als letztes Mittel müsse man je nach Entwicklung auch prüfen, ob der Bundesrat per Notrecht das Nachtfahrverbot für Lastwagen aufheben solle.

Laut Leuenbergers Sprecher Harald Hammel gibt es derzeit keine Pläne, einen solchen Krisenstab einzuberufen, wie ihn Giezendanner fordert. Leuenberger selbst habe am Sonntag an einer Telefonkonferenz mit europäischen Verkehrsministern teilgenommen. Zudem pflege der Departementschef einen sehr engen Austausch mit Bazl-Chef Peter Müller. Auf Ebene des Gesamtbundesrats spielt gemäss Regierungssprecher André Simonazzi die Koordination zwischen den Departementen. Möglich sei, dass sich die Regierung am Mittwoch mit dem Thema befasse.

Gelassenheit statt Hektik

Andere Politiker übrigens finden es legitim, dass Moritz Leuenberger der jetzigen Situation auch Positives abgewinnen könne. «Das Ganze hat eine philosophisch-symbolische Seite, wenn man sich die Macht eines solchen Naturereignisses vor Augen führt», sagt etwa CVP-Nationalrat Norbert Hochreutener. Und SP-Ratskollege Andrea Hämmerle rät zur Gelassenheit: «Für einen gesonderten Krisenstab sehe ich derzeit keinen Anlass, jetzt auf Hektik zu machen, hat doch keinen Sinn.» Leuenberger selbst sieht das ähnlich. Er reiste gestern in aller Ruhe zu einem Termin in Brüssel – im Zug.