Jugendpolizei
Lenzburg: Jugendpolizei als Gewaltprävention

aum ein Thema, das in letzter Zeit zu so vielen Diskussionen Anlass gegeben hat, wie die Debatte über das jugendliche Gewaltpotenzial. Politiker fordern strengere Repressionen. Die Regionalpolizei Lenzburg verfolgt einen präventiven Weg.

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Jugendpolizei Lenzburg

Jugendpolizei Lenzburg

Aargauer Zeitung

markus christen
Drei 15- und 16-jährige Schüler aus der Schweiz zertrümmern einem deutschen Geschäftsmann auf einer Klassenreise in München den Schädel. Der Überfall von letzter Woche ist an Brutalität kaum zu überbieten und setzt eine Reihe von Gewaltexzessen fort, in deren Zentrum jugendliche Männer als Täter agieren, die noch nicht einmal die mittlere Reife erlangt haben.

Der Verlauf der Tat stützt auch Beobachtungen, die Ferdinand Bürgi, Chef der Regionalpolizei Lenzburg, in Bezug auf die gegenwärtige Jugendkriminalität gemacht hat: «Das Ausmass an Brutalität hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen.» Bürgi will diese Entwicklung aber nicht einfach hinnehmen. Deshalb wurden zwei seiner Polizisten im März während eines einwöchigen Kurses des Schweizerischen Polizei-Instituts in Herisau zu Jugendpolizisten ausgebildet.

Prävention im Vordergrund
«Im Zentrum der jugendpolizeilichen Massnahmen steht die Prävention», erklärt der Jugendpolizist Martin Drachsel. Zusammen mit seiner Kollegin Tamara Keller will er offensiv auf die Jugendlichen im Raum Lenzburg zugehen und mit ihnen das Gespräch suchen, bevor diese überhaupt in eine gewaltgeladene Situation geraten. Für eine erleichterte Kontaktaufnahme mit den Jugendpolizisten wird deshalb eine eigene E-Mail- Adresse eingerichtet, zusätzlich werden Flyer verteilt. «Wir versuchen ein Vertrauensverhältnis zwischen Polizei und Jugendlichen aufzubauen und beraten die jungen Leute, soweit dies in unserer Kompetenz liegt, verweisen sie auch weiter an die gebotenen Anlaufstellen», sagt Bürgi. Man darf aber nicht vergessen: Der Jugendpolizist ist und bleibt ein Polizist. Kein Handlungsspielraum bestehe aber bei Offizialdelikten. Hier werde man auch in Zukunft konsequent und repressiv handeln müssen.
Die Jugendpolizisten sollen sich auch vermehrt an neuralgischen Orten aufhalten, an denen die Jugend sich trifft. Entscheidend ist es, so Bürgi, die Jugendlichen mit all ihren Problemen und Mühen an einem Punkt abzuholen und zu unterstützen, an dem noch Einfluss von aussen geltend gemacht werden kann. Dies sei die bestmögliche Art, um vorhandenes und latentes Gewaltpotenzial im Keim zu ersticken.

Für die Jugend arbeiten
Das ist allerdings kein simples Unterfangen. Gerade in der Pubertät wird das Verhältnis zur Polizei zunehmend schwieriger. «Wir müssen den jungen Menschen die Gewissheit vermitteln, dass wir für und nicht gegen sie arbeiten», sagt Tamara Keller.
Neben der Prävention ist die Nachbetreuung von delinquenten Jugendlichen die zweite wichtige Tätigkeit der Jugendpolizei. Die Jugendlichen sollen erfahren, dass sie nach einer Tat nicht auf sich allein gestellt sind, wenn sie versuchen, den Tritt wieder zu finden.

Manchmal ist es auch nötig, etwas Druck auf die Jugendlichen auszuüben, ihnen zu verstehen geben, dass sie immer noch beobachtet werden, auch wenn sie Straf- und Erziehungsmassnahmen hinter sich haben.
Dass für die Jugendarbeit sowohl ein Mann als auch eine Frau ausgebildet wurden, hat gute und gerechtfertigte Gründe. «Neben der zunehmenden Brutalität beobachten wir auch eine zunehmende Zahl an weiblichen Delinquenten», führt Bürgi aus. «Dieser geschlechtsspezifischen neuen Voraussetzung wollen wir Rechnung tragen. Es ist verständlich, wenn sich eine junge Frau lieber mit einer Polizistin unterhält als mit einem männlichen Polizisten.»

Wichtig für die Jugendpolizisten ist die Vernetzung mit den Schulen, der Jugendsozialarbeit, den Eltern, aber auch mit dem Kanton und dem Bund. Die ausgebildeten Polizisten werden in der regionalen Jugendsozialarbeit präsent sein, sich mit den Gemeindebehörden absprechen und an Diskussionen mit Jugendlichen teilnehmen, zum Beispiel in Jugendtreffs. Gemeinsam nach Lösungsansätzen suchen, so lautet das Credo.

Für ein Fazit ist es zu früh
Für eine Bewertung der Effizienz der aufgegleisten Jugendarbeit ist es noch zu früh. Da die Jugendpolizisten erst seit März mit ihrem speziellen Auftrag unterwegs sind, konnten noch keine aussagekräftigen Erfahrungen gemacht werden.
Doch schon jetzt ist für Ferdinand Bürgi die stetige Optimierung der Jugendarbeit eine entscheidende Bedingung für das Funktionieren der Massnahmen. Vom Chef der Jugendpolizei, Herbert Furter, erwartet er einen jährlichen Bericht. Die Jugendpolizisten sollen auch einen Blick über die Grenzen nicht scheuen. «Viele Entwicklungen haben ihren Ursprung in anderen Ländern, Amerika zum Beispiel.» Noch sei die Jugendgewalt in Lenzburg kein akutes Problem, doch dies könne sich ändern. Deshalb müsse man so früh wie möglich handeln.

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