Leben zwischen Luxus und Lüge

ETA SA: Die Grenchner Firma wurde um 4,79 mio. Franken betrogen. (Urs Lindt)

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ETA SA: Die Grenchner Firma wurde um 4,79 mio. Franken betrogen. (Urs Lindt)

«Was ich getan habe, war unrecht. Es tut mir sehr leid.» Das sagte die ehemalige Leiterin Finanzen der Grenchner Firma ETA SA gestern vor Gericht. Zwischen 2000 und 2006 hatte sie insgesamt 4,79 Millionen Schweizer Franken veruntreut. Die Staatsanwaltschaft glaubt nicht an ihrer Reue.

Brigit Leuenberger

Im eleganten grauen Anzug betrat Valeria M. gestern Morgen das Amthaus 1 in Solothurn. Eine Markensonnenbrille verdeckte ihre geröteten Augen vor Verhandlungsbeginn. Doch verdecken wollte die ehemalige ETA-Chefbuchhalterin eigentlich nichts mehr, wie sie betonte. «Ich habe jahrelang gelogen. Ich war gefangen in einem Teufelskreis», erzählte sie. Hin und wieder versagte ihr die Stimme, doch bemühte sie sich um klare, wohl überlegte Worte. Die Anklage gegen sie lautet auf gewerbsmässiger Betrug, eventuell mehrfach qualifizierte Veruntreuung, mehrfache Urkundenfälschung und gewerbsmässige Geldwäscherei. Geschädigte ist die ETA SA Manufacture Horlogère Suisse, bei der Valeria M. über zehn Jahre gearbeitet hat.

Im Zentrum der gestrigen Verhandlung standen insbesondere die Casinobesuche der Angeklagten, bei denen sie ein Grossteil des entwendeten Bargeldes verschleudert haben soll. Valeria M. und ihr Ex-Mann, Philipp M.* besuchten regelmässig Casinos in Biel, Bern, Luzern und Rapperswil, aber auch in Frankreich, Malaysia, Malta, Mauritius, Australien und Ägypten. Eine Spielsucht will Philipp M. bei seiner Ex-Frau nicht beobachtet haben. «Wir spielten beide gerne.» Valeria M. sagte, sie sei öfters auch alleine im Casino gewesen, insbesondere nach der Scheidung. «War ich sieben Tage in Las Vegas, war ich sieben Tage im Casino.» Bis zu 30 000 Euro habe sie an einem Abend ausgegeben, «wenn ich eine Pechsträhne hatte». Eine Spielernatur sei sie jedoch nicht, sie habe nicht einmal gerne gespielt. «Doch ich glaubte immer an den ganz grossen Gewinn. Ich wollte doch alles wieder in Ordnung bringen.»

«Für sie die Hand ins Feuer gelegt»

Durch ihre Mitarbeiter liess sich Valeria M. jeweils Bargeldbeträge auszahlen und verbuchte diese später unter anderen Konten, um den Diebsthal zu vertuschen. Bar in der Handtasche trug sie das Geld nach Hause und von dort offenbar ins Casino. Weder den Mitarbeitern noch der Controlling der ETA fielen die seltsamen Buchungen iher Finanzchefin auf.

Was der Auslöser für ihr Vergehen gewesen ist, konnte Valeria M. nicht schlüssig beantworten. Sie habe Angst gehabt, ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können, sagte sie lediglich, wobei sie bei der ETA zur damaligen Zeit ein reguläres Jahreseinkommen von 150 000 Franken bezog. Sicher ist, dass die Chefbuchhalterin ein luxeriöses Leben führte: Teure Autos, teure Ferien, teure Kleider - Valeria M. fehlte es an nichts. Daneben zeigte sie sich grosszügig gegenüber Freunden und Verwandten. Sie half Rechnungen, und Schulden zu tilgen und machte Geschenke. An Betrug dachte in ihrem Umfeld indes niemand: «Ich habe ihr voll vertraut, da war nie etwas, was mich misstrauisch gestimmt hätte», sagte ihr Ex-Mann und ihr Bruder hätte «für sie die Hand ins Feuer gelegt».

Arglistig und beeindruckend kaltblütig

Staatsanwalt Rolf von Felten ging mit der Angeklagten hart ins Gericht. Er bezeichnete sie als arglistig, hinterhältig und beeindruckend kaltblütig. «Sie handelte aus purer Geldgier. Sie warf mit Geld um sich, sie konnte nicht genug bekommen.» Ihre Schenkungen seien nicht grosszügig, sondern ein Auswuchs ihres Geltungsdrangs gewesen. Umstritten sei zudem der namhafte Betrag von 2 Millionen Franken, von dem nicht schlüssig gesagt werden könne, ob er tatsächlich in Casinos verprasst worden sei. Näher liege die Annahme, so der Staatsanwalt, dass die Angeklagte dieses Geld auf die Seite geschaufelt habe.

Zudem habe die Angeklagte bisher, und nur unter Druck, rund 700 000 Franken zurückbezahlt. «Und dies, obwohl sie wieder in leitender Funktion tätig ist und wiederum ein sechsstelliges Jahreseinkommen bezieht.» Der Staatsanwalt plädierte auf fünfeinhalb Jahre Freiheitsentzug und eine Geldstrafe von 100 Tagesansätzen zu 270 Franken. Hinzu kommen sämtliche veruntreuten Gelder plus ein Schadenszins von fünf Prozent ab dem ersten Tag des Vergehens. Die Angeklagte soll ausserdem den von der ETA in Auftrag gegebenen Sonderbericht über den Betrugsfall bezahlen, der mehr als 100 000 Franken gekostet hat, und die gesamten Verfahrens- und Anwaltskosten.

«Ich glaube ihr»

Rechtsanwalt der Angeklagten, Alexander Kunz betonte, seine Mandantin habe bereits viel gelitten und werde ein Leben lang unter ihrem Vergehen zu leiden haben. Sie sei aber kooperativ gewesen und beispielsweise sofort aus ihrem Anwesen ausgezogen. Es sei sehr schwierig, den Beweis zu erbringen, dass von den gestohlenen Millionen nichts mehr übrig sei. «Aber ich glaube ihr 100 Prozent.» Der Rechtsanwalt beantragte, eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten. «Sie hat positive Prognosen für die Zukunft. Trotz der sehr schwierigen Situation hat sie eine neue Stelle gefunden und kann so immerhin ein Mü ihrer Schulden zurückzahlen, was sie auch unbedingt will.» Alexander Kunz forderte zudem, darauf zu verzichten, die Familienmitglieder und Freunde von Valeria M., die von ihren Schenkungen profitiert hatten, zu zwingen, diese zurück zu erstatten. «Sie hat sich immer mit dieser Aura der reichen Frau umgeben. Niemand konnte ahnen, dass sie dieses Geld unrechtmässig bezogen hatte.»

Das Urteil des Richteramts Solothurn-Lebern ist am Donnerstag zu erwarten.

* Namen von der Redaktion geändert

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