Indien
Leben in einfachen Verhältnissen

Sechs Monate werden Claudia und Rémy Ischi im Kinderdorf «Kiran» in Varanasi im Norden Indiens Hand anlegen und anschliessend für vier bis fünf Monate den Süden bereisen. Am 3. August starten sie das Abenteuer zusammen mit ihren drei Kindern.

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Solothurner Zeitung

Agnes Portmann-Leupi

Über der Klingel der Familie Ischi klebt ein weisser Zettel. «Ghantii» steht darauf geschrieben. Diese weissen

«Kiran» als ein Ort für ganzheitliche Hilfe

Das seit 20 Jahren bestehende Kinderdorf «Kiran», das Wort bedeutet Sonnenstrahlen, am Rand der nordindischen Stadt Varanasi (Benares) ist eine Beratungs- und Betreuungsstelle mit Schule für körperlich behinderte Kinder und Jugendliche. Das «Kiran» ist ganzheitlich besorgt um medizinische Rehabilitation, Grund- und Berufsausbildung sowie gesellschaftliche und berufliche Integration. Dem Kinderdorf angegliedert sind Anlernmöglichkeiten in den Bereichen Holzbearbeitung, Kunst und Design, Schneiderei, Bäckerei, Gärtnerei, Therapieassistenz und Sonderpädagogik. Im Internat leben 50 Kinder und 18 Lehrlinge. Täglich werden zudem rund 200 Kinder mit «Kiran»-Bussen aus den Wohnquartieren in die Schule gebracht. Unterrichtet werden auch nicht behinderte Kinder aus sehr armen Familien. Gründerin und Leiterin des Kinderdorfes ist Judith Sangeeta Keller aus St. Gallen, die schon seit 1974 im Dienste von Kranken in Varanasi lebt. Um die finanziellen Belange kümmert sich die Kiran Society, die von der Friends Association sowie von Projektpartnern aus verschiedenen Ländern Unterstützung erhält. In der Schweiz bestehen der Freundeskreis und die Stiftung Kiran. (APB)
www.kiranvillage.org

«Jetzt gehe ich in die Ferien zu Grosi, und wenn ich heimkomme, stehen nur noch das Bett und der Schrank in meinem Zimmer», erzählt die Sechsjährige. Ab 31. Juli ist Ischis Haus für elf Monate vermietet. Am 3. August besteigen Claudia und Rémy Ischi mit den Kindern Sämi, Louis und Alice das Flugzeug, das sie vorerst in Indiens Hauptstadt Delhi bringt. Anderntags geht es in einer 13 Stunden dauernden Fahrt im Nachtzug ins 780 Kilometer entfernte Varanasi. Dort, im Kinderdorf Kiran, wird das Ehepaar überall Hand anlegen, ob in der Betreuung und Freizeitgestaltung der behinderten Kinder, im Unterricht oder bei der Integration in den Arbeitsprozess (siehe unten).

Über Afrika nach Indien

Afrika. Das war für die Familie Ischi das entscheidende Erlebnis für den Wunsch, einmal länger in ein fremdes Land zu gehen. In Burkina Faso verbrachte die ganze Familie einen Monat bei Einheimischen in sehr armen, spartanischen Verhältnissen. «Das hat mir die Augen geöffnet, meine Ansichten verändert und mir Ruhe und Gelassenheit gegeben», blickt Rémy Ischi zurück. Ehefrau Claudia erzählt beeindruckt von der Würde, Haltung und Lebensfreude, welche diese Leute ausstrahlen. Im letzten Jahr traf sie in Marokkos Wüste eine Schweizerin, die ihr vom indischen Kinderdorf Kiran erzählte, dessen Leiterin diese persönlich kennt. Indien erschien den Ischis im ersten Moment zwar nicht als Traumdestination, wurde aber nach vielen Informationen und Verhandlungen immer interessanter. «Wir freuen uns, mit Land, Leuten, Kultur und Sprache in Kontakt zu kommen», sagt Claudia Ischi. «Wichtig ist für uns, etwas Sinnvolles zu machen», ergänzt ihr Ehemann.

Andere Sitten und Regeln

Im Kinderdorf lebt die Familie im Volontariatsverhältnis, welches Kost und Logis - zwei Zimmer mit Kochnische und WC - sowie ein Taschengeld beinhaltet. Neben dem Einsatz im Kiran heisst es für die Kindergärtnerin und den Lehrer, den eigenen Kindern den verpassten Schweizer Unterrichtsstoff zu vermitteln. Ein Stapel Bücher liegt dafür im Reisegepäck. Sämi, Louis und Alice besuchen aber gleichzeitig in einheitlicher violett-weisser Uniform die indische Schule in Englisch und Hindi. «Ich freue mich auf alles andere, nur nicht auf die Schule», offenbart der Drittklässler Louis. Der Sechstklässler Sämi freut sich zwar darauf, bedauert aber, von seinen Kollegen getrennt zu sein. Das geschenkte

T-Shirt der Schulkameraden mit allen Namen versehen, tröstet die Buben etwas über den Abschiedsschmerz. Wahrzunehmen hat die Familie auch indische Verhaltensregeln, etwa knöchellange Kleider für die Frauen oder untersagtes Küssen und Händehalten in der Öffentlichkeit. Gelassen schauen sie Wetterkapriolen wie grosse Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit oder Monsunregen entgegen. «Wir nehmen es so, wie es eben ist», sagt Rémy Ischi. Das Abenteuer Indien wird die Familie mit einem vier- bis fünfmonatigen Bereisen des Südens beenden. Für die letzten Wochen vor der endgültigen Heimkehr, ist aber nochmals ein Aufenthalt im Kinderdorf geplant.

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