Interview
Lawinendrama: «Angst vor weiteren Fällen»

Die verschneite Landschaft und viel Sonnenschein locken die Bergtouristen. Trotzdem: Der Schnee ist dieses Jahr besonders gefährlich. Der international anerkannte Lawinenexperte Werner Munter rät zu kleineren Gruppen.

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Michele Coviello

Herr Munter, das Lawinenunglück ist bei Gefahrenstufe 2 geschehen, die als «mässig» bezeichnet wird. Hat das Lawinenbulletin die Lage unterschätzt?

Werner Munter: Das kann ich nicht beurteilen. Das Bulletin hat eine relativ hohe Trefferquote von 85 Prozent, ist aber immer noch eine Prognose, die einem Wetterbericht gleicht. Fakt ist, dass sich 30 bis 35 Prozent der Unfälle bei Stufe 2 ereignen.

Das sind viele für die «mässige» Gefahrenstufe 2.

Munter: Mässig heisst «Auslösung durch grosse Gruppen ohne Abstände möglich.» Die Situation kann man eigentlich mit einer Zahl nicht beschreiben. Sie nimmt zwei Faktoren zusammen. Mein Vorschlag, dies zu ändern, wurde bislang nicht akzeptiert. «Mässig» sagt nur aus, dass nicht viele Hänge in der Region bereit sind, eine Lawine auszulösen. Im ausführlichen Bulletin-Text von Sonntag war jedoch präzisiert, dass bei einzelnen Hängen leicht Lawinen ausgelöst werden können.

War eine Tour bei diesem Zustand fahrlässig?

Munter: Bei diesem Bericht wäre ich auch auf die Tour gegangen. Wegen der heiklen Lawinenlage hätte ich es aber unterlassen, mit einer grossen Gruppe unterwegs zu sein und auf sehr steile Hänge zu steigen.

Sie reden von einer «heiklen Lawinenlage».

Munter: Es hat diesen Winter früh, aber nur in kleinen Schüben geschneit, die Temperaturen haben extrem geschwankt und ein Föhnsturm hat zu grossen Schneeverfachtungen geführt. So ist eine schlechte Schneedecke entstanden. Amateure wissen das im Gegensatz zu Experten nicht. Man sollte sicher auch in den nächsten 14 Tagen höchstens in Vierergruppen ausrücken und sehr steile Hänge meiden. Obwohl ich ständig gegen grosse Gruppen kämpfe, werden sie trotzdem immer grösser. Ich habe Angst, dass es weitere solche Fälle geben könnte.

Die Medien bezeichnen das Unglücksgebiet als relativ Lawinensicher.

Munter: Ich bin in dort aufgewachsen und kenne es sehr gut. Das Gebiet im hinteren Diemtigtal ist nicht relativ Lawinensicher, sondern sehr steil und anspruchsvoll.

War die Rettungsaktion aufgrund dieser Lage auch gefährlich?

Munter: Dem Einsatzchef mache ich keinen Vorwurf. Er konnte laut Bulletin von der Gefahr «mässig» ausgehen. Deshalb war keine zweite Lawine zu erwarten. In der ersten Stunde nach der Lawine ist die Überlebenschance am Grössten, deshalb muss man alles unternehmen und es geraten auch die Leben der Retter in Gefahr.