Langfinger
Langfinger und Parksünder aufgepasst

In grossen Einkaufszentren fühlen sich Langfinger und Parksünder oft unbeobachtet – ein Trugschluss, wie ein Augenschein im Überwachungsraum des Stücki Shopping zeigt.

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Stücki Shopping

Stücki Shopping

Schweiz am Sonntag

Katja Schlegel

Es ist kurz vor Mittag. Im Stücki Shopping ist alles ruhig. Nur kurz schaut die Angestellte auf den Monitor mit den Überwachungsbildern. Es tut sich nichts. Im Parkhaus schnellt eine Barriere hoch, ein Auto rollt langsam heran. Auf dem Rollband im Innern des Einkaufszentrums müht sich ein junger Mann mit einer Kolonne Einkaufswagen ab. Besucher schlendern, spazieren oder eilen von Laden zu Laden. Alles ist ruhig - keiner, der sich auffällig verhält, keinen, den man in flagranti ertappen könnte.

Ganz schön langweilig, könnte man denken - «gut so», findet Werner Roser, technischer Leiter im Stücki. Er ist der Chef über die Überwachungszentrale, das Herzstück des neuen Basler Einkaufszentrums. Von hier aus wird alles geregelt: der Verkehr rund um das Center, der Fluss des Kundenstroms, im Notfall Rettungseinsätze und Evakuierungen - und die Überwachung des öffentlichen Bereichs des Einkaufszentrums. 36 Kameras sind im Parkhaus und in der Mall verteilt und zeichnen alles auf, was sich bewegt.

Die Videoaufzeichnung spielt in der Überwachung des Einkaufszentrums aber keine Hauptrolle. Es ist vielmehr eine ergänzende Serviceleistung für die Mieter: «Die Shops selbst werden durch die jeweiligen Besitzer überwacht», sagt Roser. Verhält sich jedoch eine Person auffällig, meldet sich das Verkaufspersonal per Telefon bei der Überwachungszentrale.

Die wiederum schickt sofort einen Security-Mann vor Ort. Das geht schnell - höchstens zwei Minuten. Bestätigt sich der Verdacht, wird der Ladendieb festgehalten und die Polizei geholt. Und dann wird es ungemütlich: Wer erwischt wird, dem droht eine Anzeige durch den Shop-Besitzer. Ausserdem wird er mit einem Hausverbot für das Stücki belegt.

Ein älteres Ehepaar blickt sich suchend im Vorraum um. Die Angestellte öffnet ein Fenster in der grossen Glasfront und fragt, ob sie weiterhelfen könne. «Wo sind denn hier die Läden?», fragt der Mann leicht vorwurfsvoll. Die Angestellte erklärt freundlich den Weg, Roser lächelt.

Es passiert oft, dass Leute hier nach dem Weg fragen. «Es wird noch einen Moment dauern, bis sich die Leute hier auskennen.» Kaum fällt die Tür hinter dem Ehepaar zu, kommt eine Verkäuferin an den Schalter und will einen Gutschein umtauschen. Auch das gehört zu den Arbeiten in der Überwachungszentrale.

Ladendiebstähle passieren im Stücki verhältnismässig selten. «Manchmal erwischen wir an einem Tag gleich zwei Ladendiebe, manchmal passiert auch drei Wochen lang nichts», sagt Roser. Damit liegt das Stücki tatsächlich weit unter der landesweiten Tendenz: In Schweizer Warenhäusern wird im Schnitt pro Tag ein Ladendieb erwischt.

Roser sieht den Grund dafür in der luftigen Gestaltung des Einkaufszentrums: «Es fehlt den Ladendieben an schwer einsehbaren Stellen», sagt er - fügt aber an, dass die Dunkelziffer der Diebstähle nach drei Monaten Betriebszeit noch nicht einschätzbar sei.

Wie sieht der typische Ladendieb denn aus? «Den gibt es nicht», sagt Roser. Von der elegant gekleideten Geschäftsfrau über den gelangweilten Teenager bis hin zum Familienvater - die Bandbreite ist enorm. Das Aussehen gebe keine Auskunft darüber, ob jemand klaut, sagt Roser. «Schliesslich sieht man den Leuten nicht an, was in ihrem Kopf vorgeht.» Viel mehr über ihre Absichten verrate die Bewegung. «Man merkt, ob jemand angespannt ist, oder ob er sich frei bewegt.»

Auch wenn die Überwachung der Kamerabilder nicht zur Hauptaufgabe des Personals gehört - die elektronischen Augen sehen alles. Auch nachts, wenn Sicherheitsleute mit Hunden das Gebäude in unregelmässigen Abständen umrunden. «Die Kameras sind nach Ladenschluss im Ruhezustand. Sobald sich aber etwas bewegt, nehmen die Kameras das auf», sagt Roser.

Auch das Parkhaus wird mit Argusaugen bewacht, jedes Kennzeichen, jeder Falschparker wird registriert. Und selbst die Ticket-Automaten im Parkhaus werden überwacht, jede Münze und jeder Tastendruck werden registriert. «Wenn sich jemand bei uns beklagt, der Automat hätte zu wenig Retourgeld ausbezahlt, können wir das überprüfen», sagt Bernd Sbikowski vom Parkhausbüro.

Ist der Kunde weder Parksünder noch Langfinger, bekommt er von den ganzen Überwachungsmassnahmen nichts mit. Präsent zu sein aber nicht aufzufallen, das ist oberste Priorität für Roser und sein Team. «Wenn der Kunde uns nicht wahrnimmt, ist das gut. Dann erlebt er den Einkauf hier als positives Erlebnis und kommt wieder.»